Sebastian Arlt

Ein Stern gegen das Heimweh

Die ersten Herrnhuter Sterne entstanden im 19. Jahrhundert in Internaten in der Lausitz. Heute leuchten Sie von Asien bis Amerika. Wie kamen die Sterne aus Sachsen in die Welt? Ein Expertengespräch über missionsfreudige Glaubensbrüder und Muße in hektischen Zeiten.

Eine Kanne Kaffee vor sich auf dem Tisch, warten Erdmann Carstens und Stephan Augustin auf ihren Gast. Wir befinden uns im obersten Stockwerk des herrschaftlichen Gebäudes, in dem die Herrnhuter Brüdergemeine heute ihren Sitz hat. Augustin ist der Leiter des Herrnhuter Völkerkundemuseums, Carstens der Sprecher der Brüdergemeine. „Ohne D“, sagt er. Und schon ist man beim Thema.

Was meinen Sie mit „ohne D“?

Erdmann Carstens: Es heißt „Gemeine“, nicht „ Gemeinde“. Das erklärt sich aus der Geschichte der Brüdergemeine: Unsere Anfänge liegen in der Unitas Fratrum, der Brüder-Unität oder eben Gemeine. Sie war eine evangelische Gemeinschaft, die vom 15. bis 17. Jahrhundert in Böhmen und Mähren lebte. Während der Gegenreformation wurden diese „Böhmischen Brüder“ verfolgt und vertrieben, sie kamen vor 300 Jahren in die Oberlausitz und gründeten Herrnhut, also einen Ort, an dem sie unter der „Hut des Herrn“ leben wollten.

Und aus ihnen entstand dann die Herrnhuter Brüdergemeine. 

Carstens: Genau. Die Herrnhuter damals waren geprägt vom Pietismus, sie wollten eine moderne christliche Gemeinschaft schaffen – und sie wollten das Evangelium in die Welt bringen. Also begannen sie schon bald nach der Gründung mit der Mission.

Stephan Augustin: Und das wirklich in der ganzen Welt: 1732 in der Karibik, dann Grönland, Nordamerika, Surinam, Südafrika, später auch Nicaragua, Nordindien, Tansania. Die Herrnhuter Missionare kamen dabei oft zu Gruppen, zu denen zuvor noch kein Europäer Kontakt gehabt hatte. Sie lernten ihre Sprachen, beschäftigten sich mit ihren Kulturen – und nahmen dieses Wissen mit.

Stephan Augustin vom Völkerkundemuseum in Herrnhut kennt sich mit der Entstehungsgeschichte und der Verbreitung der Herrnhuter Sterne aus. Stephan Augustin vom Völkerkundemuseum in Herrnhut kennt sich mit der Entstehungsgeschichte und der Verbreitung der Herrnhuter Sterne aus. © Sebastian Arlt

Hier in Herrnhut waren die Menschen damals also ziemlich weltgewandt?

Augustin: Auf jeden Fall. Man hat dann auch relativ schnell angefangen, die Berichte der Missionare und auch die Dinge, die sie aus der ganzen Welt mitbrachten, zu sammeln. 1758 wurde in Herrnhut dann das Naturalienkabinett eröffnet – eine Vorform des heutigen Völkerkundemuseums.

Carstens: Wissen und Bildung spielte und spielt in der Brüdergemeine eine große Rolle. In den Missionsgebieten wurden Schulen gebaut und in der Heimat Internate – jene Internate, in denen auch die Tradition der Herrnhuter Sterne entstand.

Vor dem 1. Advent wird in vielen Familien noch ,gesternelt’.
Erdmann Carstens

Wie kam es dazu? 

Carstens: Die Internate sollten den Kindern Bildung vermitteln, aber auch Gemeinschaft und Geborgenheit.

Augustin: Für viele Kinder war das Internat ein Einschnitt: Wer als Kind von Missionaren irgendwo in Afrika oder Asien geboren wurde, kam typischerweise im Schulalter zurück. Auf den Internaten bekamen sie eine sehr gute Schul- und Berufsausbildung. Viele waren aber auch für Jahre von ihren Eltern getrennt.

Carstens: Die Wohngruppen in den Internaten, Stuben genannt, waren die Ersatzfamilien. Und zu feierlichen Anlässen – vor allem in der Adventszeit – schmückte man die Stube. Wann und wie genau die Sterne das erste Mal auftauchten, ist unklar, vielleicht im Mathematikunterricht, um geometrische Formen anschaulicher zu machen. Auf jeden Fall aber hatte das „Sterneln“, das Sternebasteln, schon im 19. Jahrhundert einen festen Platz in den Internaten.

Das heißt: Die Sterne waren zunächst ein Mittel, um Heimweh und die Sehnsucht nach den Eltern zu lindern – wie aber kamen sie dann aus den Internaten in die Welt?

Carstens: Die Schüler nahmen die Tradition des „Sternelns“ mit. Vielleicht sogar in entfernte Gebiete, in denen sie als Missionare tätig wurden. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der Papierwarenhändler Pieter Hendrik Verbeek dann hier in Herrnhut einen zusammensetzbaren Stern – der große Vorteil: Man konnte ihn im großen Maßstab produzieren und vor allem auch verschicken. Bald darauf entstand die erste Sternemanufaktur. Sie produziert bis heute Herrnhuter Sterne und verkauft sie in die ganze Welt.

Erdmann Carstens weiß, dass das Basteln der Herrnhuter Sterne Zeit braucht: „Hektisch und schnell, schnell: Dabei kommt kein guter Stern heraus!“ Erdmann Carstens weiß, dass das Basteln der Herrnhuter Sterne Zeit braucht: „Hektisch und schnell, schnell: Dabei kommt kein guter Stern heraus!“ © Sebastian Arlt

Und das Sternebasteln? Wird diese Tradition weiter gepflegt?

Carstens: Auf jeden Fall. Vor dem 1. Advent wird in vielen Familien aus der Brüdergemeine noch „gesternelt“. Ich selbst habe mit meinen Kindern früher auch Sterne gebastelt. Aber man muss sich Zeit dafür nehmen, Muße haben. Hektisch und schnell, schnell: Dabei kommt kein schöner Stern heraus!

www.herrnhuter-sterne.de

www.herrnhut.ebu.de

Auf Weltreise in der Oberlausitz

Schon früh begann man in Herrnhut die Dinge zu sammeln, die Männer und Frauen der Brüdergemeine aus ihren Missionsgebieten und von Reisen mitbrachten. 1878 gründete man dann ein Museum, in dem die völkerkundlichen Objekte aus Asien, Afrika oder Amerika aufbewahrt und gezeigt wurden. Heute sind sie in einer interessanten Dauerausstellung zu sehen, zudem gibt es ständig wechselnde Sonderschauen, beispielsweise zu zeitgenössischer Malerei in Zentralaustralien, Leben in Surinam oder über turkmenischen Schmuck.

www.voelkerkunde-herrnhut.de

Ein Stern gegen das Heimweh Völkerkunde Museum © Völkerkundemuseum Herrnhut, Stephan Augustin

X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier