Jan Kamensky

Cyber Grooming: Gefahr aus dem Netz

Die zwölfjährige Amanda Todd entblößte in einem Videochat ihren Oberkörper vor einem Fremden. Dieser speicherte davon ein Foto, um das Mädchen zu weiteren sexuelle Handlungen zu erpressen. Das Foto wurde von Mitschülern gefunden und die Kanadierin wurde jahrelang Mobbing-Opfer im Internet sowie in ihrer Schule – bis sie sich im Oktober 2012 im Alter von 15 Jahren das Leben nahm. Im zweiten Teil des #NichtEgal-Cybermobbing-Lexikons klären wir auf über Cyber Grooming und Cybermobbing unter Kindern und Jugendlichen.

Cyber Grooming

Hierbei handelt es sich um eine Form des Cybermobbings, die sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche richtet und die gezielte Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen über das Internet, häufig durch ältere Männer, beschreibt. Der Studie „Kinder + Medien, Computer + Internet (KIM)“ von 2014 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zufolge erlebten rund 7 Prozent der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren problematische Kontaktversuche von Fremden, die hauptsächlich über Facebook erfolgten. Mädchen waren dabei doppelt so häufig betroffen wie Jungen.

In einem aktuellen Fall wurde ein 15-jähriges Mädchen fast ein Jahr lang von einem Freund ihres Vaters per WhatsApp belästigt. Der Mann soll der Jugendlichen Fragen mit sexuellem Inhalt gestellt und sie aufgefordert haben, ihm Nacktbilder von sich und der 10-jährigen Schwester zu schicken. Ein Gericht ordnete an, dass der Vater zum Schutz der Kinder WhatsApp auf ihren Handys deinstallieren muss. Außerdem soll er bis zum 18. bzw. 16. Geburtstag der Mädchen ein monatliches Gespräch über die Handynutzung führen und vierteljährlich prüfen, ob sich jugendgefährdende Inhalte auf den Handys seiner Töchter befinden.

Filter und Verbote allein können kein Kind schützen – sie steigern im Gegenteil oft den Reiz.
Kristin Langer, Mediencoach der Elternratgeber-Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“

Wie wichtig Aufklärung über Cybergrooming ist, weiß man bei der Elternratgeber-Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“. Kristin Langer, Mediencoach der Initiative, sagt: „Begleiten Eltern das Onlineverhalten ihres Kindes von Anfang an aufmerksam, ist das eine gute Basis für gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Denn so, wie sie in der realen Welt die Interessen, Erlebnisse, Freunde und Treffpunkte ihres Kindes kennen, sollte das auch für jene im Netz gelten. Denn Filter und Verbote allein können kein Kind schützen – sie steigern im Gegenteil oft den Reiz. Wichtig ist, dass Eltern Geräte sicher einrichten, auf altersgerechte Angebote achten und mit ihrem Kind Chat-Regeln festlegen. Dabei können sie ihr Kind über Kontaktrisiken und die Gefahren beim Veröffentlichen privater Daten und Bilder aufklären, sich gesprächsbereit zeigen und vereinbaren, dass es sich bei Problemen an sie wendet, ohne Verurteilungen oder Verbote fürchten zu müssen.“

Die Initiative gibt auf ihrer Internetseite Tipps zum Umgang mit Cybergrooming. Hat eine Belästigung stattgefunden, sollten Eltern mit ihrem Kind behutsam über den Vorfall und die nächsten Schritte sprechen, Beweise sichern, sich an Beratungsstellen wenden und die Polizei kontaktieren, um Anzeige zu erstatten. Das Gesetz sieht für Cybergrooming eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren vor.

Denigration

Denigration, auf Deutsch „Verunglimpfung, Anschwärzung“, beschreibt eine weitere Form des Cybermobbings: das beabsichtigte Bloßstellen einer Person durch die Verbreitung von Gerüchten und Falschinformationen, etwa durch das Posten oder direkte Versenden von Texten und Bildern. Laut der aktuellen länderübergreifenden Trendstudie ARAG Digital Risks Survey, die von internationalen WissenschaftlerInnen im Mai 2016 durchgeführt wurde, ist in Deutschland bereits jeder vierte Schüler mindestens einmal Opfer von Mobbing im Netz geworden. Mehr als 30 Prozent der Schulen verzeichnen einmal pro Woche einen Cybermobbing-Fall.

Mehr als 30 Prozent der Schulen verzeichnen einmal pro Woche einen Cybermobbing-Fall.
ARAG Digital Risks Survey

Was die Autoren und Autorinnen der Studie bemängeln: Nur 16 Prozent der Schulen informieren ausreichend über Cybermobbing. Institutionelle Maßnahmen zur Aufklärung und Prävention fehlen flächendeckend an deutschen Schulen. Zunehmend entwickele sich Cybermobbing zu einem gesellschaftlichen Problem aller Altersgruppen. Auch im geschäftlichen Bereich tritt Cybermobbing bzw. Denigration immer häufiger auf. Eine Beobachtung, die Medienanwalt Dr. Niklas Haberkamm der Kölner Kanzlei Lampmann, Haberkamm & Rosenbaum, teilt: „Der Trend zeigt eine klare Steigerung der Anzahl von Cybermobbing-Fällen. Das gilt sowohl für gezielte Angriffe auf Unternehmen als auch für Angriffe gegenüber Privatpersonen. Insbesondere in Sozialen Netzwerken und Foren ist eine fortschreitende Enthemmung der Nutzer wahrzunehmen, die unweigerlich eine Steigerung der Anzahl von Rechtsverletzungen mit sich bringt.“

Für die Tat der öffentlichen oder durch Schriften verbreiteten üblen Nachrede sieht das deutsche Strafgesetzbuch eine Geldstrafe bzw. eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren vor. Wer andere verleumdet, also Lügen über einen Menschen erzählt, um etwa seinen Ruf zu schädigen, kann mit einer Geldstrafe bzw. mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.


X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier