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„Deutschland ist kein Öko-Schlaraffenland!“

Daniel Mittler, der politische Direktor von Greenpeace International über Dieselgate, ineffiziente Kohlemeiler und den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Wenn Greenpeace ein Mensch wäre: Welche Charaktereigenschaften hätte er?
Dieser Mensch wäre mutig, kreativ, beharrlich und, vor allem, unabhängig. Wir bekommen weder von der Politik noch von der Industrie einen Cent.

Dafür sind Sie von der finanziellen Unterstützung Ihrer Mitglieder abhängig – was Ihnen oftmals den Vorwurf einbringt, bei der Themensetzung Öffentlichkeitswirkung vor Notwendigkeit zu stellen. Nach welche Kriterien wählen Sie Ihre Projekte aus?
Wir haben einen klaren Prozess, wie wir unsere Prioritäten setzen. Wir analysieren, wo die größten Umweltprobleme liegen. Dafür haben wir auch eigene Wissenschaftler an der Universität von Exeter, Großbritannien. Parallel dazu schauen wir, welche politischen und gesellschaftlichen Veränderungen gebraucht werden.

In Deutschland ist die Umweltbewegung längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gehen Ihnen hierzulande die Feinde aus?
Deutschland ist nicht ein Öko-Schlaraffenland! Die größten Profiteure der Umweltzerstörung haben unglaublich viel Macht. Schauen Sie sich nur „Dieselgate“ an. Die Autoindustrie drückt sich seit Jahrzehnten um den Klimaschutz, und die Politik will den Skandal verschleppen. Mit den Freihandelsabkommen TTIP und CETA sind viele Fortschritte, die wir bisher in Deutschland gemacht haben, gefährdet und könnten den industriellen Interessen zum Opfer fallen. Ich habe keine Sorge, dass Greenpeace in Deutschland die Arbeit ausgeht!

Daniel Mittler: Deutschland ist kein Oeko-Schlaraffenland © Greenpeace International

Daniel Mittler ist seit Mai 2010 politischer Direktor von Greenpeace International. Er verantwortet alle Greenpeace-Interaktionen mit globalen Institutionen wie der UNO und organisiert Trainings für die über 40 Greenpeace-Büros weltweit. Mehr über Daniel Mittler erfahren Sie in seinem Blog: greendaniel.blogspot.com

Gerade beim Ausbau von Ökostrom hat Deutschland enorme Erfolge erzielt. Welche Probleme sind aus Ihrer Sicht dennoch am drängendsten beim Klimaschutz?
Deutschland braucht den Kohleausstieg. Und wir müssen den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen – und nicht, wie es momentan geschieht, bremsen. Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) könnte das Projekt Energiewende ernsthaft gefährden. Zudem verhindert die Reform das Engagement von Bürgern. Die Mär, erneuerbare Energien seien nicht zu 100 Prozent machbar, muss beerdigt werden. In mehr als hundert Ländern sind die erneuerbaren Energien schon jetzt die preisgünstigsten neuen Energieträger. Kohle und Atom: Das sind doch die ineffizienten Träger! Leider stehen die externen Kosten – zum Beispiel horrende Gesundheitsschäden –, die Letztere verursachen, nicht auf der Stromrechnung!

In Deutschland werden aber Gaskraftwerke abgeschaltet, während die Kohlemeiler unter Volllast laufen.
Das ist pervers – und auch ein weiteres Beispiel dafür, dass die Politik nicht so „grün“ ist, wie sie immer vorgibt. Da die Politik beim Emissionshandel viele Geschenke an die Industrie gemacht hat, funktioniert der nicht. Würde er das tun, würden zuallererst Kohlemeiler abgeschaltet. Die Politik hat sich vor der Frage gedrückt: Was soll weg?

Die Mär, erneuerbare Energien seien nicht zu 100 Prozent machbar, muss beerdigt werden.

Erdgas ist klimaschonender als Kohle oder Öl, aber eben auch fossil. Gibt es einen Platz für Erdgas auf der Agenda von Greenpeace?
Wenn wir die Pariser Klimaziele ernst nehmen, muss die große Mehrheit aller fossilen Energieträger weltweit im Boden bleiben. In Deutschland brauchen wir als Erstes einen sozialverträglichen Kohleausstieg. Dieser sorgt nicht nur für sinkende CO2-Emissionen, sondern senkt auch die EEG-Umlage und sichert eine bessere Auslastung derjenigen flexiblen Gaskraftwerke, die wir für den Übergang noch brauchen. Bis spätestens Mitte des Jahrhunderts muss aber auch die Erdgasnutzung beendet werden. Deshalb ist es so wichtig, dass Erdgas nicht durch die Fracking-Technologie künstlich weiter am Leben erhalten wird, und auch falsch, dass die EU via TTIP umweltschädlichem Fracking-Gas aus den USA in Europa Tür und Tor öffnen will. Gerade im Wärmebereich muss der Erdgasbedarf durch mehr Erneuerbare und die Gebäudesanierung sinken. Im Strombereich wird der Gasbedarf nach unseren Analysen für einige Jahre ansteigen, wenn die Politik den Kohleausstieg endlich ernst nimmt. Aber recht schnell wird er auch dort wieder sinken müssen.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Was steht in 20 Jahren auf der Greenpeace-Agenda?
Der Klimawandel ist das Thema unserer Zeit. Und wir haben keine 20 Jahre mehr, um wirklich etwas zu verändern. Die Klimafrage werden wir aber nicht lösen können, wenn wir die globale Gerechtigkeit nicht angehen. Die Hälfte aller individuellen CO2-Emissionen werden von den oberen 10 Prozent verursacht. Die globalen Ressourcen müssen endlich gerechter verteilt werden!


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