„Teilzeit, Gleitzeit, keine Zeit?“

Stechuhren und starre Anwesenheits­zeiten sind Aus­lauf­modelle. Immer mehr Unter­nehmen setzen auf flexible Arbeits­zeiten, um ihre Mit­arbeiter*innen im Betrieb und bei guter Laune zu halten und die Produktivität zu steigern. Inzwischen gibt es eine Viel­zahl an erprobten Konzepten.

Eine Familie sitzt zusammen im Wohnzimmer
© Getty Images

Der junge Marketingleiter will sich familiär stärker engagieren und seinen Sohn immer am Mittwoch­nach­mittag zum Fuß­ball­training bringen. Er nutzt Funktions­zeit in Kombination mit Gleit­zeit und verlässt das Büro an einem Tag der Woche schon um 14 Uhr. Die neue Art-Direktorin ist ein Voll­treffer für ihre Agentur, doch morgens kommt sie nicht so gut in die Gänge. Ihr Arbeits­tag beginnt deshalb erst am späten Vormittag und endet häufig abends im Home­office. Kontrolliert wird sie nicht, ihr Chef setzt auf Vertrauens­arbeits­zeit.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie der individuelle Bio­rhythmus sind nur zwei Gründe, warum eine flexible Arbeits­zeit für Mit­arbeiter*innen und Unter­nehmen ein großes Plus bringt. Vor allem für Berufs­tätige mit kleinen Kindern oder pflege­bedürftigen Angehörigen bedeutet mehr zeitlicher Spiel­raum eine spürbare Entlastung und deutlich mehr Lebens­qualität. Dank­bar für mehr Zeit­souveränität sind auch ältere Mit­arbeiter*innen, die ihre Kräfte besser einteilen wollen und die sich neben der Arbeit beruflich weiter­bilden möchten oder ein zeit­auf­wendiges Hobby pflegen.

Doch nicht nur die Angestellten profitieren, auch immer mehr Unternehmen erkennen die Not­wendig­keit neuer Arbeits­zeit­konzepte und beginnen, die Vorteile für sich zu nutzen. Vor allem im Wett­bewerb um gute Fach­leute haben Betriebe mit innovativen Zeit­modellen die Nase weit vorn. Gerade junge, spezialisierte Kräfte, die eine Familie gründen möchten oder bereits Kinder haben, lassen sich mit flexiblen Angeboten locken und dauerhaft an ein Unter­nehmen binden. Außer­dem kann ein Unter­nehmen mit flexiblen Arbeits­zeiten besser auf einen schwankenden Arbeits­anfall reagieren und so auch wirtschaftlich Vor­teile daraus ziehen. Nicht zuletzt erhöht der zeitliche Frei­raum die Zufrieden­heit und Motivation der Mit­arbeiter*innen. Sie gehen ihre Aufgaben mit mehr Elan und Kreativität an, was wiederum dem Betrieb zunutze wird.

Flexible Arbeitszeitmodelle bedeuten eine Win-win-Situation für alle Seiten

Flexible Arbeitszeitmodelle bedeuten eine Win-win-Situation für alle Seiten. Voraussetzung sind aller­dings klare Absprachen, aber auch Vertrauen und die Schaffung von Regelungen, die auf die Bedürfnisse aller Beteiligten eingehen. Natürlich passt nicht jedes Modell auf jedes Unter­nehmen. Ein Produktions­betrieb mit Schicht­arbeit ist möglicher­weise weniger flexibel als zum Beispiel eine Kreativ­agentur. Ein gewisser organisatorischer Auf­wand und die Bereit­schaft zum Umdenken sind nötig. Doch der Einsatz lohnt sich alle­mal, denn die positiven Effekte sind enorm.

Doch welche Modelle gibt es und was zeichnet sie aus? Ein inzwischen alt bekannter Hut ist die Gleit­zeit, die bereits in den 1970er-Jahren Einzug in die ersten Büros hielt. Doch die Vorbehalte in den Führungs­etagen blieben lange Zeit groß: Zu schwer zu organisieren, nicht zu über­wachen, so lautete das Urteil. Vor allem Chefs mit starkem Kontroll­bedürfnis hatten Probleme mit der neuen Freiheit ihrer Angestellten. Doch die Arbeitswelten haben sich radikal geändert: Digitale Vernetzung und papier­lose Büros, flache Hierarchien, mehr Mit­sprache­recht und neue Kommunikations­wege – das sind nur einige Stich­punkte, die den grund­legenden Wandel beschreiben. So variabel die Arbeits­welten in einer global vernetzten Welt geworden sind, so variabel sind auch die neuen Zeit­modelle, deren Aus­gestaltung kaum noch kreative Grenzen kennt. Die meisten basieren auf folgenden Konzepten:

Arbeitszeitkonto: Erst ein paar Monate richtig ran­klotzen, dann auf Wel­treise gehen. Wer von solch einem Deal träumt, ist mit einem Arbeits­zeit­konto auf ein Jahr oder sogar auf das gesamte Arbeits­leben gesehen gut bedient. Über­stunden werden angesammelt und dann für eine längere Aus­zeit genutzt, etwa ein Sabbatical.

Funktionszeit: Der Laden muss laufen – das ist der Grund­gedanke bei der Funktions­zeit. Das Team genießt eine erweiterte Gleit­zeit, die so gestaltet sein muss, dass der Arbeits­betrieb reibungs­los funktioniert. Wer wann kommt oder geht, regelt das Team meist unter sich.

Vertrauensarbeitszeit: Die Königs­disziplin unter den Konzepten ist die Vertrauens­arbeits­zeit. Statt Arbeits­zeiten werden konkrete Ziele und Aufgaben festgelegt, die die Angestellten bis zu einer Deadline erledigen sollen. Zeiten werden nicht kontrolliert. Gegen­seitiges Vertrauen zwischen Arbeit­geber und Arbeit­nehmer sind Voraus­setzung. Erforderlich ist zudem ein hohes Maß an Kommunikation und Selbst­ständig­keit.

Homeoffice: Die digitale Vernetzung macht es möglich. Ganz individuell nach Ab­sprache erledigen die Angestellten einen Teil ihrer Arbeit am häuslichen Schreib­tisch. Das bringt ihnen erhebliche zeitliche Flexibilität, erfordert aber auch eine gehörige Portion an Selbst­disziplin.

Neue variable Arbeitszeit­modelle erscheinen vielen Arbeit­gebern zunächst als eine große Heraus­forderung – das schreibt auch das Bundes­ministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) in der Publikation „Fach­kräfte sichern“. Doch neue Konzepte bergen große Chancen und sind in Zeiten einer sich rasant verändernden Arbeits­welt auch eine absolute Not­wendig­keit. Die Jobs der Zukunft erfordern ein ehemaliges „Soft Skill“, nämlich Kreativität. Smarte Arbeits­zeit­modelle sind nicht nur an sich schon kreativ, sondern schaffen auch das nötige Umfeld, damit sich die Kreativität der Mit­arbeiter im Dienste des Unter­nehmens voll entfalten kann.

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