Interview mit Zukunfts­forscher

Die Arbeitswelt wird ein Traum für Mit­arbeiter*innen

Laut der repräsentativen Umfrage „DigitalBarometer Deutschland“ hat jeder zehnte Befragte Angst, seinen Arbeits­platz an einen Roboter zu verlieren. Der Zukunfts­forscher Michael Carl vom 2b AHEAD ThinkTank in Leipzig hat gute Nachrichten parat für alle, die sich vor der Digitalisierung fürchten. Ein Gespräch darüber, warum wir in Zukunft wieder in Werks­siedlungen wohnen könnten und wie wir mit Robotern auf dem Arbeits­markt umgehen sollten.

Frau steht am Fenster
© Getty Images

Herr Carl, ein immer späterer Renten­ein­tritt, steigende Arbeits­belastung, ständige Erreich­bar­keit − ist die Arbeits­welt der Zukunft der Traum aller Chefs?
Michael Carl (lacht): Die Arbeitswelt, die auf uns wartet, ist viel eher der Traum von Mit­arbeiter*innen als der Traum von Vor­gesetzten.

Warum das?
Die Babyboomer, also die Geburten­jahr­gänge von 1945-1972, gehen in Rente, weshalb in den kommenden zehn Jahren trotz Zuwanderung zwei bis drei Millionen Arbeits­kräfte fehlen werden. Und in dieser Prognose sind die Effekte der Digitalisierung, sprich der Arbeits­platz­ab­bau durch den Einsatz von Robotern, schon berück­sichtigt. Wir sprechen also nicht von einem Fach­kräfte­mangel, sondern explizit von einem Mangel an verfüg­baren Arbeits­kräften. Das ist ein echtes Problem – für die Arbeit­geber*innen.

Und für die Arbeits­kräfte?
Für sie ist das eine wirklich gute Nachricht. Im Zweifel meldet sich der Head­hunter alle zwei Wochen und bietet etwas Neues an. Die Arbeit­nehmer*innen werden zu Arbeit­geber*innen, weil sie Arbeits­kraft geben können. Nicht der Arbeits­platz ist das knappe Gut der Zukunft, sondern die Arbeits­kraft der Arbeit­nehmer*innen.

Was müssen Unter­nehmen in Zukunft tun, um überhaupt Mit­arbeiter*innen zu finden?
Unter­nehmen haben zwei Möglich­keiten. Sind sie ein fluides Unter­nehmen, sprich können sie mit einer hohen Fluktuation umgehen? Sich projekt­bezogen mit freien Mit­arbeiter*innen zu verstärken, sehr stark netz­werk­basiert zu arbeiten und ein ständiges Kommen und Gehen sind schon jetzt Heraus­forderungen für Arbeit­geber*innen. Das Gegen­modell ist die Caring Company, also ein Unter­nehmen, das versucht, die Mit­arbeiter*innen so zu umarmen, dass sie das Unter­nehmen gar nicht mehr verlassen wollen, weil sie so fest darin verankert sind.

Wie schafft eine Caring Company das?
Im Kleinen sehen wir das ja schon heute: Die ERGO Group in Düssel­dorf bietet ihren Mit­arbeiter*innen mit EKids eine Kinder­betreuung an, und der Trigema-Chef garantiert jedem Kind von Mit­arbeiter*innen einen Job. Das gibt es alles schon. Und das ist klasse. Aber es ist nur der Anfang einer Caring Company. Die Liste der Angebote für Mit­arbeiter*innen und ihre Familien wird immer länger. Denken wir an Zusatz­versicherungen, Kinder­betreuung und Betreuung der eigenen Eltern oder an Werks­siedlungen. Ich bin überzeugt, dass wir im Laufe der 2020er-Jahre die Rückkehr von Werks­siedlungen im ländlichen Raum erleben werden. Denn wenn die Menschen erst mal bei mir wohnen, dann gehen sie nicht so leicht zur nächsten Arbeit­geber*in.

Das gilt nicht für Firmen in der Stadt?
Nein, denn in der Stadt muss ich nicht umziehen, wenn ich eine neue Arbeit­geber*in habe. Zuerst werden es auch nur große Unter­nehmen sein. Die Leistung einer Caring Company ist teuer, aber für die Arbeit­geber*innen stellt sich die schlichte Frage: Ist es teurer, solche Angebote bereit­zu­halten oder nicht ausreichend Mitarbeiter*innen zu haben?

Also kümmert sich die Caring Company lieber …
Genau. Wichtig wird auch sein, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie ist das Klima in meiner Firma? Wie ist die Unter­nehmens­kultur? Heut­zu­tage bleibt das oft auf dem Level einer Behauptung stecken. Wir haben hier die Möglich­keit, uns Verhältnisse zu schaffen, die schlicht besser sind.

Die Arbeitnehmer*innen entscheiden?
Tatsächlich sitzen Arbeit­geber*innen nicht mehr am längeren Hebel. Arbeit­nehmer*innen werden sagen können, in einem anderen Unter­nehmen werde ich mich wohler fühlen, also gehe ich. Es kommen Modelle, deren Algo­rithmen die Zusammen­arbeit in Team­strukturen analysieren. Die Arbeit­nehmer*innen wissen dann schon vorweg, welche Rolle sie in einem neuen Team ein­nehmen werden.

Thema Weiterbildung: Was kommt da auf uns zu?
Wir sehen schon heute, dass das Wissen viel schneller veraltet. Dass jemand einen Beruf erlernt und ihn 40 Jahre lang ausübt, ist schon nicht mehr Realität. Die Deutsche Bahn hat zum Beispiel ein ganz praktisches Problem: Sie hat mehrere Zehn­tausend Lok­führer*innen, die wir in zehn Jahren nicht mehr brauchen.

Portrait von Michael Carl Zukunfts­forscher und Strategie­experte Michael Carl hat keine Angst vor Robotern, die Arbeits­plätze weg­nehmen. Arbeits­kräfte würden in Zukunft mehr denn je gebraucht. Darauf müssen sich auch Unter­nehmen einstellen. © 2d AHEAD ThinkTank

Weil Züge dann ganz autonom fahren?
Weil Züge dann sehr viel besser autonom fahren können. Autos natürlich auch. Wir sind bereits jetzt schon auf dem Stand, dass der Verkehr sicherer wäre, wenn die Menschen die Finger vom Lenk­rad lassen. Aber zurück zu den Lok­führer*innen: Die Deutsche Bahn sucht heute noch nach Auszu­bildenden, wohlwissend, dass diese das Berufs­bild bald nicht mehr brauchen. Also müssen sie irgendwann umschulen, sich weiter­bilden oder sich spezialisieren. Daran sieht man, wie der Arbeits­markt der Zukunft funktioniert. Manche befürchten, dass die Digitalisierung wie eine Welle über uns rollt und Arbeits­plätze vernichtet. Ich bin fest davon über­zeugt: Wir hatten noch nie so gute Aussichten, Arbeit menschlich zu gestalten. Wir werden lernen, dass Veränderung etwas Gutes ist. Gesell­schaftlich sind wir in diesem Lern­prozess noch nicht wahn­sinnig weit − zugegeben. Aber die Möglich­keiten sind enorm.

Wenn Künstliche Intelligenz bald auch kreativ sein kann, was sollen wir Menschen dann noch tun?
Wir sind gut beraten, da nicht in die Falle der schlesischen Weber*innen Mitte des 19. Jahr­hunderts zu tappen. Die glaubten, dass ihre Fähig­keit, per Hand zu weben, das ist, was sie zum Menschen macht. Entsprechend hatten sie Angst vor den Maschinen. Wir kennen das Ende. Mit der voran­schreitenden Autonomisierung von Arbeits­prozessen stehen wir aber jetzt am Anfang des eigentlichen menschlichen Zeit­alters. Die Weber*innen trauerten um ihre Jobs, heute sollten wir uns darauf freuen, unbequeme Arbeiten von Maschinen erledigen zu lassen.

Also ich gebe einfach alles an Roboter ab, was ich nicht mehr selber machen möchte?
Richtig. Und ich gewinne dadurch wert­vollen Freiraum.

Apropos. Wann werden Sie arbeits­los sein, weil ein Roboter die Prognosen für die Zukunft berechnen und erklären kann?
Dieser Prozess läuft längst. Davor habe ich keine Angst.

Zehn Tipps für die kommenden zehn Jahre vom Zukunfts­forscher Michael Carl:

  1. Finden Sie Ihre Leiden­schaft.
  2. Machen Sie Ihre Leiden­schaft zu Ihrem Beruf.
  3. Treffen Sie Entscheidungen nicht mit Blick auf den heutigen Beruf, sondern auf den nächsten oder über­nächsten.
  4. Überlegen Sie, was Sie in den kommenden zwei Jahren können möchten, was Sie heute noch nicht können.
  5. Verlangen Sie von Ihren Arbeit­geber*innen einen Weg, wie Sie an dieses Ziel kommen.
  6. Akzeptieren Sie keine toxische Unternehmens­kultur.
  7. Seien Sie streng mit Ihrem Arbeits­umfeld.
  8. Seien Sie selbst­bewusst.
  9. Seien Sie sich bewusst, dass Sie über das wert­vollste der Arbeits­welt der 2020er-Jahre verfügen, nämlich über Ihre Zeit.
  10. Das Gesamtpaket an Leistungen zur Lebens­zufrieden­heit ist wichtiger als die Zahl auf dem Lohn­zettel.
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