Nach der Weiter­bildung ist vor der Weiter­bildung

Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Robotik – oder einfach die gelungene Kommunikation unter Kollegen: Die Zukunft bringt viele Veränderungen mit, auf die sich Mitarbeitende und Unter­nehmen am besten gemeinsam einstellen. Verena School, Gruppen­leiterin bei ERGO, entwickelt dafür neue Weiter­bildungs­konzepte.

Seminar
© Getty Images

Frau School, welchen Stellenwert nehmen Weiter­bildungen in heutigen Unternehmen ein?
Einen sehr großen. In den vier Jahren, in denen ich in diesem Bereich tätig bin, habe ich dies­bezüglich einen massiven Wandel erlebt. Anfangs ging es in erster Linie darum, klassische Trainings zu organisieren und über­schneidungs­frei zu gestalten sowie die Integration von E-Learning zu steuern, deren Kolleginnen und Kollegen damals noch nicht wie heute zu meinem Team gehörten. Viele Mit­arbeitende schienen Weiter­bildung hingegen als eine Art Freizeit vom Arbeits­platz wahr­zu­nehmen. Heute ist Arbeit­nehmern und Arbeit­gebern gleicher­maßen bewusst, dass Weiter­bildungen von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Arbeit sind.

Woher kommt dieser Wandel?
Die digitale Transformation löst bei vielen Mitarbeitenden Ängste aus. Sie fragen sich, ob sie Schritt halten können, wenn sich ihr Arbeits­platz ändert, ob sie noch gebraucht werden. Hierauf zu reagieren ist eine Aufgabe des Unter­nehmens. Umgekehrt ist es für Unter­nehmen wichtig, ihre Mitarbeitenden rasch und effizient in Themen der digitalen Trans­formation einzu­arbeiten. Außerdem sind Weiter­bildungen ein echter Differenzierungs­faktor auf dem hart umkämpften Markt um Talente. Man muss ja auch künftig damit rechnen, dass zu wenige Mathe­matiker und Computer­spezialistinnen und -spezialisten die Univer­sitäten verlassen. Inhaltlich spannende Weiter­bildungen können für Firmen einen großen Wett­bewerbs­vorteil darstellen.

Welche Fortbildungsangebote bieten Sie Ihren Mitarbeitenden derzeit an?
Ganz frisch haben wir eine sogenannte Product-Owner-Ausbildung im Programm. Sie erstreckt sich über mehrere Module, und in der Weiter­bildung lernen die Mitarbeitenden, diese neue Rolle aus dem agilen Arbeits­umfeld kompetent auszufüllen. Ebenfalls beliebt ist Digital Compact, ein Angebot zur Digitalisierung. Die Teilnehmenden können hier zunächst durch einen Onlinetest – einen sogenannten Digi-Check – ermitteln, wo bei ihnen Lern­bedarf besteht. Im Anschluss erhalten sie Vorschläge für Weiter­bildungs­angebote. Dies können Literatur­empfehlungen, digitale Lern­bau­steine, Beratungen oder Trainings sein.

Welche Konzepte entwickeln Sie für die Arbeit der Zukunft?
Aus meiner Sicht ist es eine Aufgabe, im Hinblick auf die Zukunft zu schauen, auf welche Weise Angestellte ihr spezifisches Wissen mit anderen teilen können. Denn Studien besagen, dass 70 Prozent des beruflichen Lernens informell statt­findet. Das heißt: Kollegen lernen von Kollegen. Das ist ja auch das, was man häufig selbst erlebt.

Zum Beispiel?
Einer meiner Kollegen bespielt in seiner Freizeit einen Youtube-Kanal zum Thema Excel. Wenn ich ein Problem mit Tabellen­kalkulationen habe, schaue ich alternativ zu einer Google-Suche bei ihm nach einer Hilfe­stellung. Nun kann ein Unternehmen aus rechtlichen Gründen keine Youtube-Plattform offiziell als Weiter­bildungs­instrument für sich beanspruchen. Aber wir beschäftigen uns mit der Frage, welche Möglichkeiten es gibt, das Wissen einzelner Spezialistinnen und Spezialisten für das ganze Unter­nehmen zugänglich zu machen und Mitarbeitende darin zu bestärken, ihr Know-how zu teilen. Etwa in Form eines selbst gedrehten Video-Tutorials. Wichtig ist hier, die Führungs­kräfte ins Boot zu holen. Denn auch wenn man die Ansprüche für ein selbst gedrehtes Video niedrig steckt, braucht der oder die Mitarbeitende dennoch Zeit, ein zufrieden­stellendes Angebot zu erstellen. Hier gilt es, eine gute Balance zwischen der Investition in Weiter­qualifizierung und den täglichen Anforderungen der operativen Arbeit zu finden.

Portrait Verena School Verena School, Betriebs­wissen­schaftlerin und Gruppen­leiterin Weiter­bildung bei ERGO, führt 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an drei Stand­orten, in Düsseldorf, Köln und München. Zusammen mit ihrem Team entwickelt sie Weiter­bildungs­konzepte für die Zukunft der Arbeit. © ERGO

Hat das klassische Modell einer Weiterbildung mit Frontal­unterricht in einem Seminar­raum denn weitgehend ausgedient?
Der Unterricht in einem geschützten Raum hat sicher seine Vorzüge und Berechtigung. Aber wenn ich heute nicht weiß, wie ich eine Pivot-Tabelle in Excel verwende, morgen jedoch die Auswertung benötige, kommt eine Schulung im Zweifel zu spät. Ähnlich sieht es bei Weiter­bildungen im Bereich Konflikt­management aus. Unsere aktuelle Idee: Wenn ein Angestellter oder eine Angestellte einen Konflikt am Arbeits­platz erlebt, kann er oder sie zusammen mit einem Trainer in bis zu drei persönlichen oder telefonischen Terminen Lösungs­strategien erarbeiten. Theoretisches Wissen zur Kommunikation in Konfliktsituationen wird mithilfe von E-Learning aufgebaut. Früher fand eine solche Aufarbeitung während eines drei­tägigen Seminars mit bis zu zwölf Teilnehmern statt. Das ist aus logistischen und Gründen des Zeit­managements aber nicht unbedingt effizient.

Sie haben BWL studiert und anschließend eine Ausbildung zur Beraterin für Change Management absolviert. Welche Rolle spielen Weiter­bildungen in Ihrer eigenen Karriere?
Eine große Rolle! Sie sind jedoch nur Bausteine zur Weiter­entwicklung von Kenntnissen und Fähigkeiten. Vor meiner Weiter­bildung zur Design-Thinking-Moderatorin habe ich beispiels­weise auf freien Content der US-amerikanischen Stanford University zurück­gegriffen, der mir erste Erfahrungen mit dieser Methode ermöglichte, mit der sich im Team komplexe Probleme lösen lassen. Ich nutze solche frei verfügbaren Angebote sehr gern – und aus meiner Sicht ist „Lebens­langes Lernen“ keine Wort­hülse, sondern ein wirklich wichtiger Punkt. In Betrieben findet eine Formalisierung der Weiter­bildung statt, nicht zuletzt um Mitarbeitenden eine Initial­zündung zu geben. Ich glaube aber, dass der Trend lang­fristig dahin geht, sich das Wissen, das man braucht, immer mehr selbst anzueignen. In meiner Funktion als Gruppen­leiterin Weiter­bildung begleite ich Menschen sehr gern auf diesem Weg.

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