Karriere nach Job­wechsel: Neue Kräfte freisetzen

Ein beruflicher Neuanfang kann eine beängstigende Vor­stellung sein, aber auch ungeahnte Kräfte frei­setzen. Das sagt Karriere-Coach Hans-Georg Willmann, der Job­wechslerinnen und Job­wechsler jeden Alters bei der Veränderung unter­stützt. Im Gespräch mit ERGO erklärt er, wann ein Job­wechsel sinnvoll ist, mit welchen Schwierig­keiten der verbunden sein kann und warum die Zeiten dafür gerade jetzt nicht besser sein könnten.

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Herr Willmann, wir sprechen heute über die Karriere nach einem Job­wechsel. Was erst mal positiv klingt, aber durch­aus auch ein sensibles Thema ist …
Hans-Georg Willmann: Weil die berufliche Umorientierung nicht immer frei­willig ist. Es kann sein, dass ich mich als Absolvent oder Absolventin mit Master­abschluss in der Tasche auf einmal in einer beruflichen Sack­gasse wieder­finde. Oder ich habe nach 30 Jahren im Betrieb plötzlich die Kündigung auf dem Tisch liegen. Die Lebens­situation erscheint bedrohlich, weil bei einer Beschäftigungs­losig­keit nicht nur die Verdienst­grund­lage fehlt, sondern zunächst mal auch die Perspektive. Ist der erste Schock aber verdaut oder ist der Job­wechsel sogar bewusst herbei­geführt worden, kann diese Situation ganz neue Kräfte entfalten.

Sie beraten Studienabsolventen und -absolventinnen, aber auch Menschen mit vielen Jahren Berufs­erfahrung bei einer beruflichen Umorientierung. Wer hat die besseren Chancen?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Nach über zwanzig Jahren als Coach bin ich mit allen Alters­gruppen und ihren Heraus­forderungen auf dem Arbeits­markt vertraut und muss sagen: Jeder und jede bekommt eine zweite Chance. Die muss man sich aber auch erarbeiten. Natürlich ist es auf dem Arbeits­markt ab einem gewissen Alter schwieriger – da lügen die Statistiken nicht! Es kommt aber in jedem Einzel­fall auf die Person, ihr Mindset und ihre Fähig­keiten an – und nicht auf die demo­grafischen Daten.

Welche Herausforderungen warten denn auf dem Arbeits­markt auf die Quer­einsteigerinnen und Quer­einsteiger?
Während bei Berufsneulingen die noch fehlende Berufserfahrung immer eine Rolle spielen wird, gelten ältere Menschen aus Sicht der Arbeit­geber oft als langsam, wenig agil und teuer, da sie in der Regel ja schon ein hohes Gehalt bezogen haben.

Und das hält sie von der Umorientierung ab …
Auf jeden Fall schwingt bei älteren Menschen nach einer Kündigung die Angst mit, auf dem Arbeits­markt nicht mehr gewollt zu sein. Häufig führen die Gedanken bei einer Kündigung deshalb auch in Richtung Selbst­ständig­keit und nicht ins nächste Bewerbungs­gespräch. Doch auch der Schritt in eine Selbst­ständig­keit muss wohl­über­legt sein.

Was ist eigentlich so schlimm an einem Bewerbungs­gespräch?
Das klassische Bewerbungsgespräch wird von jungen wie älteren Bewerberinnen und Bewerbern als Prüfungs­situation erlebt. Viele unter- oder über­schätzen sich und können sich nicht adäquat präsentieren. Ich rate allen, die ihren Job wechseln, dazu, die eigenen Kontakte – sei es aus dem Studium, von Events, den vorherigen Jobs oder aus dem persönlichen Umfeld – zu pflegen und zu nutzen, um über Empfehlungen in Gespräche zu kommen. So ist die Angst vor dem Wechsel schon nicht mehr ganz so groß.

Dann nehmen Sie uns jetzt bitte die Angst: Wie bereitet man sich auf einen Quer­einstieg vor?
Es ist heute mehr denn je entscheidend, wie ich mich auf Veränderungen einlassen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich für ein fach­fremdes Praktikum ins Unter­nehmen komme oder ob ich mit 50 Jahren noch mal eine berufliche Heraus­forderung suche. Meine innere Haltung und meine über­trag­baren Fähigkeiten – wie analytisches Denken, Teamfähigkeit, Eigen­initiative oder Führungs­qualitäten – sind auch branchen­über­greifend gefragt. Ich muss also heraus­arbeiten, was meine Stärken sind und wie und wo ich sie am besten ein­setzen kann. Es ist auch sinn­voll, sich weiter­zubilden, etwa durch Fort­bildungen, Online-Webinare, Podcasts oder Trainings zu fachlichen Themen und zu den Schlüssel­fähig­keiten. Wichtig ist, dass ich mir über die eigenen Erwartungen und die Umsetz­bar­keit im Klaren bin: Was will ich? Was kann ich? Was ist machbar?

Hans-Georg Willmann, 1968 geboren, orientierte sich nach einer Ausbildung zum Industrie­kaufmann um und studierte Psychologie in Freiburg. 2003 gründete der Diplom-Psychologe sein Büro für Personal­beratung und Coaching. Der Coach und Autor lebt zurzeit in Australien, schreibt Bücher und unter­stützt Menschen welt­weit per Online-Karriere­beratung und Coaching bei beruflichen oder persönlichen Veränderungen. © Alex Jung

Ist es nicht naiv, anzunehmen, nach dem Neu­anfang mit 50 plus direkt durch­zu­starten?
Ganz und gar nicht. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele aus der Arbeit mit meinen Klienten und Klientinnen, bei denen eine Kündigung und ein beruflicher Neuanfang der Anfang einer erfolg­reichen Karriere waren. Bin ich unzufrieden im Job, kann ich mein Potenzial selten voll aus­schöpfen. Eine Umorientierung kann dann Wunder wirken. Ob diese sich sofort oder erst nach einiger Zeit im Job bemerk­bar macht, ist den meisten Menschen dann auch gar nicht mehr so wichtig, weil sie zunächst mal viel zufriedener im Job und im Leben sind. Da hat sich der Wechsel schon auf diese Weise aus­gezahlt.

Gibt es Branchen oder Berufsfelder, die sich besonders für einen Job­wechsel eignen?
Sicher. Die Arbeitswelt wandelt sich ja pausenlos – jetzt erleben wir mit der Digitalisierung wieder einen großen Umbruch. Überall, wo es zu Veränderungen kommt, ergeben sich auch neue Chancen. Viele Branchen wachsen enorm, Tätigkeits­felder entwickeln sich – zum Beispiel das (Online-)Marketing, die Logistik oder die IT-Branche. In Start-ups oder in großen agilen Unter­nehmen wird mittler­weile mehr Wert auf die persönlichen Kompetenzen der Beschäftigten gelegt als auf den Abschluss. Auch im Non-Profit-Bereich sind Quer­ein­stiege eher der Regel­fall.

Das heißt: In Zukunft werden die Quer­einstiege zunehmen?
Meine Prophezeiung: Die klassische branchen- und berufs­feld­spezifische Ausbildung löst sich ohnehin in einigen Jahren auf. Über­trag­bare Skills über Branchen und Berufs­felder hinweg werden in den Mittel­punkt rücken, und Jobwechsel werden ganz normal. Schon jetzt sind die Zeiten für einen beruflichen Neuanfang ausgesprochen gut.

Wie profitieren die Unternehmen von den branchen­fremden Bewerberinnen und Bewerbern?
Bleiben wir mal beim Beispiel des Start-ups. Hier finden wir Quer­ein­stiege in jedem Alter. Der junge Berufs­ein­steiger bringt einen frischen und unvoreingenommenen Blick auf das Geschäft mit und die berufs­erfahrene Job­wechslerin eine Menge Arbeits­erfahrung und Stabilität. Aber, um es noch mal klar­zu­stellen: Haupt­sächlich dreht es sich um die individuellen Fähig­keiten der betreffenden Person. Denn es ist das gesamte Mind- und Skill-Set der Mit­arbeiterin oder des Mitarbeiters – ganz gleich, welchen Alters –, von dem das Unternehmen am meisten profitiert.

Wie können Arbeitgeber Branchen­neulinge optimal integrieren?
Die Integration beginnt schon bei der Auswahl – Stichwort „Eignungs­diagnostik“. Beim Bewerbungs­gespräch sollte klar sein, dass die Person mit ihren Fähig­keiten zum Job und ins Unter­nehmen passt. Sie muss lern­willig sein und motiviert, sich auf Neues einzulassen. Das Unter­nehmen sollte dann ein Onboarding garantieren, das die Arbeits­abläufe gut erklärt. In den ersten Wochen sind zudem vermehrt Feed­back­gespräche und eventuell auch Dialog­partner in Form von Paten oder Lotsen ratsam. Und schließlich muss klar sein, dass es auch ein wenig mehr Ein­gewöhnungs­zeit für die neue Arbeits­kraft bedarf. Dann aber steht einer Karriere selbst im fremden Beruf nichts mehr im Weg.

Fünf Tipps vom Experten zur beruflichen Umorientierung

  1. Ein Masterplan hilft dabei, für sich einen neuen Weg zu skizzieren. Wo will ich hin? Was ist machbar? Und wie gelange ich dorthin?
  2. Profil schärfen: Was sind meine übertragbaren Stärken, und wo kommen sie am besten zur Geltung?
  3. Planung statt Risiko: Vor dem Hoch­schul­abschluss oder der Kündigung habe ich mich am besten schon start­klar gemacht – mein Ziel definiert, Unter­lagen aktualisiert, Kontakte aktiviert und meine Selbst­präsentation formuliert.
  4. Ich verlasse mich nicht nur auf klassische Bewerbungs­gespräche und Stellen­anzeigen, sondern auf das Netz­werk, das ich mir über Jahre aufgebaut habe.
  5. Weiterbildung ist essenziell für einen Jobwechsel. Zum einen, um dazu­zulernen, zum anderen, um einem neuen Arbeit­geber Lern­bereit­schaft und Lern­fähig­keit zu signalisieren.
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