Betriebssport muss viel attraktiver werden – Interview mit Prof. Dr. Ingo Froböse

Die Deutschen sind laut einer Studie der Welt­gesund­heits­organisation (WHO) Bewegungs­muffel. Insbesondere am Arbeits­platz steht Deutschland an einer Spitzen­position – im Sitzen. Es muss also ein Wandel her, findet Ingo Froböse von der Deutschen Sport­hoch­schule in Köln. Er nimmt vor allem die Arbeit­geber in die Pflicht. Ein Gespräch über „unter­schätzten“ Betriebs­sport.

Menschen legen Hände zusammen
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Herr Froböse, als Gesund­heits­experte und Sport­wissen­schaftler müssen Sie es wissen: Wie gut oder schlecht steht es um die Fitness der Deutschen?
Prof. Dr. Ingo Froböse: Im Großen und Ganzen geht es uns doch sehr gut. Sport und Gesund­heit sind vielen Deutschen wichtig. Aktuell sprechen wir ja von einem „Fitness-Boom“. Fitness­studios sprießen aus dem Boden, Apps stellen ganze Trainings­pläne zusammen, und ein sportlicher Körper gilt heute, vielleicht mehr denn je, als Schön­heits­ideal. Doch der lang­fristige Trend macht mir Sorgen.

Was für einen Trend meinen Sie?
Gehen wir einige Jahrtausende zurück. Damals war Bewegung schlicht­weg notwendig zum Über­leben. Und auch noch vor einem Jahr­hundert haben wir uns auf der Arbeit, auf dem Arbeits­weg und im Alltag mehr bewegt. Heute kehrt sich der Trend um: Wir sind mobil wie nie zuvor, bewegen uns aber oft nur noch gezielt beim Sport in der Freizeit. Sport ist Luxus. Diese Entwicklung wird wohl weiter zunehmen.

Wie können wir dieser Entwicklung entgegen­wirken?
Da gäbe es mehrere Wege. Die Arbeits­zeit wird insgesamt abnehmen, sodass es mehr Platz für Freizeit­aktivitäten gibt. Wir müssen uns vorher aber wieder dafür sensibilisieren, dass Bewegung elementar für die körperliche und psychische Gesund­heit ist. Daran können bereits Kinder­gärten und Schulen mitwirken. Auch Versicherungen können ihren Versicherten einen gesunden Lebens­stil durch attraktive Angebote oder finanzielle Leistungen schmack­haft machen – das geschieht ja auch schon mit Erfolg. Den Groß­teil des Lebens verbringen wir aller­dings am Arbeits­platz, und dort ist Bewegung noch immer ein seltener Gast.

Wie kommt das?
Die Arbeitsstrukturen haben sich in vielen Unternehmen wenig gewandelt. Arbeit, Mittags­pause, Arbeit, Feier­abend – so sieht es vieler­orts aus. Und, ganz ehrlich: Da dreht sich mir alles um. Ich sage immer wieder: Gesund­heit, auch in Form von Bewegung, muss viel stärker in den Arbeits­alltag integriert werden! Da reicht die wöchentliche Lauf­gruppe nicht aus.

Wie sieht guter Betriebs­sport aus?
Betriebssport muss viel stärker über die Inhalte kommen. Ich gehe oft in die Unter­nehmen und stelle fest: Beim Yoga­kurs machen immer die gleichen Menschen mit, genauso beim Fuß­ball­turnier. Stellen wir uns mal vor, dass es zum Beispiel einen „Fitness-Monat“ gäbe. Der beinhaltet dann verschiedene Sportarten – vom Zirkel­training über den Kraf­traum bis zum Rudern. Dann ein „Ausdauer-Monat“. Dann ein „Balance-Monat“. Da ist für jede und jeden was dabei. Solche Programme sind auch deutlich effektiver und attraktiver als jede Woche derselbe Kurs.

Und solche Programme sind die Lösung?
Natürlich reichen Betriebs­sport­angebote nicht allein aus – aber den Anspruch haben sie auch gar nicht. Die Woche hat 168 Stunden, da können vier Stunden mit den Kollegen nicht das ganze Bedürfnis nach Bewegung stillen. Vielmehr soll der Betriebs­sport zu einem aktiven Lebensstil anfixen. Er soll Inspiration und Hilfe­stellungen geben. Er soll motivieren, sodass wir auch nach Feier­abend und am Wochen­ende körperlich aktiv sind.

Portrait Prof. Dr. Ingo Froböse © Sebastian Bahr

Das alles betrifft die physische Komponente – Sie haben auch noch die Psyche angesprochen.
Und die ist genauso wichtig, wenn wir von Sport sprechen. Sport schult den eigenen Umgang mit dem Körper. Dabei geht es um die Kompetenz, die Signale des Körpers und Grenzen zu erkennen, also sich selbst besser wahr­zunehmen. Dazu kommt der Umgang mit Emotionen. Ich lerne mit Sieg und Nieder­lage umzugehen. Ich kann über­haupt meine Emotionen rauslassen. Ich darf mich ärgern, darf mich freuen. Das alles ist sehr befreiend, fördert die Konzentrations­fähigkeit, das Selbst­bewusst­sein, soziale Kompetenzen. Aber wir brauchen die ganzen Vorteile gar nicht aufzählen – da sind wir morgen noch dabei! Wichtig ist, dass sich endlich etwas ändert. Der Betriebs­sport muss viel attraktiver und ziel­führender werden.

Wie können auch kleine Unternehmen diesen Ansprüchen gerecht werden?
Für kleine Betriebe ist es natürlich schwierig bis unmöglich, groß angelegte und umfassende Angebote zu schaffen. Also muss man clever sein. Viele kleinere Unternehmen gehen beispiels­weise Partner­schaften mit Vereinen oder Fitness­studios ein, von denen beide profitieren. Dann gibt es Anbieter, die den Mitgliedern für einen monatlichen Beitrag eine ganze Palette an Sport­arten zur Verfügung stellen. Unter­nehmen könnten sich finanziell an den Beiträgen beteiligen oder das Abonnement komplett über­nehmen. Oder man tut sich mit anderen Unter­nehmen als Betriebs­nachbar­schaft zusammen. Darüber gilt es in Zukunft nach­zu­denken, denn wir alle haben ja das gleiche Ziel: Wir wollen gesund und glücklich sein.

Zehn einfache Übungen für den Arbeits­alltag

1. Frühsport: Bereits früh am Morgen kann der Grund­stein für einen fitten und gesunden Arbeits­tag gelegt werden. Dehn­übungen und leichte Fitness­übungen wie Knie­beugen bringen den Stoff­wechsel und die Laune in Schwung.

2. Treppe statt Aufzug: „Jeder Gang macht schlank“, heißt es doch im Volks­mund. Und tatsächlich ist die Treppe nicht nur ein hervorragender Kalorien­verbrenner, sondern hilft auch speziell der Rücken­muskulatur.

3. Aufstehen und sich bewegen: 7,5 Stunden sitzen wir pro Tag. Da wirkt schon jede Unter­brechung Wunder. Meetings im Stehen, ein kurzer Gang durch die Büros, ein etwas weiterer Weg zum Auto oder zur Halte­stelle – bloß nicht zu bequem werden!

4. Raus an die frische Luft: Insbesondere die Mittags­pause eignet sich für einen kurzen Spazier­gang. Die Bewegung regt die Verdauung an, und die frische Luft hält die Konzentrations­fähig­keit hoch.

5. Bewegtes Sitzen: Um die Belastung der Rücken­muskeln besser zu steuern, kann es helfen, die Sitz­position alle paar Minuten zu ändern. So kann Verspannungen vorgebeugt werden.

6. Rücken dehnen: Um die Wirbelsäule elastisch zu halten, einfach zwischen­durch immer mal wieder, auf dem Büro­stuhl sitzend, nur mit dem Ober­körper nach links und rechts drehen, sodass man die Lehne umarmen kann.

7. Schreibtisch-Workout: Auf dem Bürostuhl die Beine mit angewinkelten Knien vom Boden heben, während die Arme auf der Lehne oder auf den Ober­schenkeln liegen. Und jetzt halten, halten, halten – für etwa 6-mal 10 Sekunden.

8. Arme geradeaus: Auf dem Stuhl sitzend die Arme nach vorn aus­strecken und einfach nur halten – dann die Arme seit­wärts aus­strecken und kleine Kreisbewegungen in der Luft mit den Händen machen. Die Übung ist gut für Brust und Arme.

9. Auf den Zehenspitzen: Im Stehen die Fersen in die Höhe heben und wieder absenken, dabei die Arme und den Kopf nach oben strecken – etwa beim Warten vor der Kaffee­maschine oder beim Wasser­kocher.

10. Oberkörper dehnen: Es hilft, immer mal zwischendurch kleine Dehn­übungen zu machen – zum Beispiel auf dem Stuhl im Sitzen so weit nach vorn beugen, dass der Ober­körper die Ober­schenkel berührt. Dann mit den Händen die Knöchel umfassen und die Dehnung vorsichtig und nicht länger als 20 Sekunden durch einen leichten Zug nach unten verstärken.

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