Arbeiten im Ausland

In der Fremde zu Hause

Studieren in Frankreich, Arbeiten in den USA, Urlaub auf Hawaii: Das Ausland ist immer eine Reise wert. Besonders interessant kann es sein, wenn der Aufenthalt in einem anderen Land durch den Arbeit­geber ermöglicht wird. Mark Schamp von der ERGO Group war mit seiner Familie sieben Jahre lang in Indien und drei in Südkorea.

© Getty Images

Herr Schamp, war es immer ein Traum von Ihnen, im Ausland zu leben?
Zumindest gab es bei mir und meiner Frau immer eine große Offenheit für andere Länder und Kulturen. Wir sind gern gereist, und unsere älteste Tochter kam in Kanada zur Welt, wo ich einige Semester studiert und anschließend bei einer lokalen Versicherungs­gesellschaft gearbeitet habe. Nach Nord­amerika ging es für den Job erst nach München, dann nach Düssel­dorf. Zu diesem Zeit­punkt war ich, bedingt durch Geschäfts­reisen, häufiger in Asien und hatte dement­sprechend bereits eine gewisse Affinität zu Indien und dem Indischen Sub­kontinent.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als die Möglichkeit bestand, beruflich nach Indien zu gehen?
Positiv. Das Feedback von Freunden und Verwandten war aller­dings durchaus verhalten! „Wer geht schon mit drei kleinen Kindern nach Indien?!“ war ein Satz, den wir öfters gehört haben. Mein Arbeit­geber ERGO hat uns dann zu einem einwöchigen „Look and See“-Trip nach Mumbai eingeladen. Solche Vorab-Reisen zum geplanten Einsatz­ort sind in unserer Unter­nehmens­gruppe ein Standard­element für eine länger­fristige Entsendung ins Ausland, und sie dienen einer ersten Orientierung. Man bekommt in jener Zeit ein Gefühl dafür, wie sich der Alltag in der Fremde anfühlen könnte. Für meine Frau und mich war vor allem wichtig, die Möglichkeiten der schulischen Ausbildung kennen­zu­lernen und Wohnungs­optionen zu sichten.

Bei aller guten Vorbereitung: War Indien ein Kultur­schock?
Bis zu einem gewissen Grad sicherlich – aber wir sind selbst­verständlich mit der Erwartung aus­gereist, uns auf eine sehr andere Kultur als die deutsche ein­zu­lassen. Man muss sich vor­stellen, dass Mumbai eine Megacity mit 20 Millionen Einwohnern ist. Es ist dort immer voll, immer wuselig! Teil­weise erlebt man nachts um zwei Uhr Staus auf den Straßen. Außer­dem ist die Armut all­gegen­wärtig. Aber die Menschen sind sehr warm­herzig und offen, und meine Frau und ich lieben sowohl die menschliche als auch die klimatische Wärme in Mumbai. Insofern haben wir uns recht schnell eingelebt. Die im All­tag über­all gebräuchliche englische Sprache erleichtert es einem zusätzlich.

Portrait von Mark Schamp Mark Schamp war sieben Jahre lang in Mumbai und drei Jahre in Seoul in Führungs­funktionen für die ERGO Group AG tätig. Seine vier Kinder sind durch die Aus­lands­erfahrungen in der Welt zu Hause. Seine Erfahrung: „Mit offenem Mindset gelingt das Einleben vor Ort recht schnell, und man kann seine inter­kulturelle Kompetenz stark erweitern.“ © privat

Wie lange hat es vom Zeit­punkt des Entschlusses bis zum Umzug gedauert?
Ungefähr vier Monate. Mithilfe des Arbeit­gebers haben wir Visa-Prozesse angeschoben, Arbeits- und Aufenthalts­genehmigungen ein­geholt und den Umzug vor­bereitet. Manche „Expats“ – also Fach- oder Führungs­kräfte, die von der inter­national tätigen Organisation, bei der sie beschäftigt sind, vorüber­gehend an eine ausländische Zweig­stelle entsandt werden – bewahren sich eine Dependance in Deutschland, aber uns war wichtig, unseren kompletten Lebens­mittel­punkt inklusive des „Wohn­zimmers“ nach Mumbai zu verlagern.

Wie haben Sie in Mumbai gelebt?
Mittendrin und zwischen lauter „Locals“ jeglicher Couleur und Einkommens­klassen. Hätte es uns in die Haupt­stadt Delhi verschlagen, wäre dies anders gewesen. Denn in Delhi sind, den Arabischen Emiraten vergleichbar, die verschiedenen Gesellschafts­schichten stark von­einander getrennt. Dort sind komplette Viertel den Expats und Diplomaten vorbehalten, und manche Straßen­züge und Wohn­blocks sind teil­weise nur durch bewachte Schranken zu erreichen. Das war in Mumbai nicht so – und das haben wir sehr geschätzt.

Nur wenn sich die Familie vor Ort wohlfühlt, ist man auch zu ein­hundert Prozent im Job belastbar.
Mark Schamp, ERGO Group AG

Wie wichtig ist es, dass die Familie sich wohl­fühlt?
Sehr wichtig. Nur wenn sich die Familie vor Ort wohlfühlt, ist man auch zu ein­hundert Prozent im Job belastbar. Hier hat meine Frau fantastische Arbeit geleistet, insbesondere beim Eingewöhnen unserer Kinder in neue Schulen samt Umgebung. Wie wichtig das soziale Umfeld ist, haben wir auch in Süd­korea erlebt.

Sie haben nach drei Jahren Mumbai einen Auftrag in Seoul angenommen.
Genau. Seoul ist auch eine total spannende Stadt in einem technologisch sehr fortschrittlichen Land mit einer auf­gewühlten Vergangen­heit und Gegen­wart. Hier hat uns aber über­rascht, wie hoch die Sprach­barriere war. Denn mit Englisch kommt man in Südkorea nicht wirklich weit. Beruflich war oft ein Über­setzer zugegen, und so waren die Arbeits­tage aufgrund der Zeit für das Dolmetschen oft­mals recht lang. Privat war es ähnlich, und so hat man sich eher mit anderen Zugereisten als mit Einheimischen getroffen. Die Ausländer-Community ist in Seoul aber glücklicher­weise sehr inter­national und abwechslungs­reich. Durch die Sprach­barriere waren Reisen durch Südkorea immer ein richtig kleines Abenteuer. Das sollte aber niemanden abhalten, sich in dieses tolle Land zu begeben. Zumal Koreanisch relativ leicht zu erlernen ist – kein Vergleich zum Chinesischen!

Dann erhielten Sie nach drei Jahren die Möglichkeit, für ein Start-up wieder nach Mumbai zurück­zu­kehren.
Ja, das war kurz nach der Geburt unseres vierten Kindes, und für uns als Familie stand recht schnell fest, dass wir das gern machen möchten. Denn in Mumbai hatten wir sehr viele Freundschaften geknüpft, und unsere Kinder fühlten sich dort zu Hause. Entsprechend schwer fiel uns der Abschied aus Indien Anfang 2018. Als wir nach zehn Jahren Ausland wieder zurück in Deutschland gingen, haben wir den „Reverse Culture Shock“ erlebt, den umgekehrten Kultur­schock. Das war teil­weise gar nicht so leicht.

Hätten Sie die Möglichkeit gehabt, trotz abgeschlossenen Entsendungs­auf­trags in Indien zu bleiben?
Grundsätzlich besteht in unserer Unter­nehmens­gruppe die Möglichkeit einer sogenannten Lokalisierung, sprich: einer Anstellung bei einem lokalen Unter­nehmen. Da wir uns zu diesem Zeit­punkt aber nicht vorstellen konnten, in Mumbai „in Rente zu gehen“, war für uns der Zeit­punkt der Rückkehr letztlich recht günstig. Unsere älteste Tochter hatte gerade ihre Schul­aus­bildung mit dem inter­nationalen Abitur abgeschlossen, und für den Jüngsten ging es im Sommer 2018 mit der Grund­schule los.

Bedeutet ein Auslands­aufent­halt auch einen Karriere­schritt?
„Erfahrungen sammelt man im Ausland, Karriere macht man zu Hause“, lautet ein Sprich­wort. Im Hinblick auf eine Karriere ist es oft­mals ratsamer, nur ein bis zwei Jahre im Ausland zu verbringen und dann für einen beruflichen Aufstieg in die Heimat zurück­zu­kehren. Bei zehn Jahren Auslands­aufenthalt kann es durch­aus etwas anders sein. Manche Kollegen und Kolleginnen aus meiner Zeit in München und Düsseldorf haben sich karriere­technisch etwas schneller entwickelt – aber das ist natürlich eine Frage der persönlichen Prioritäten. Für mich und meine Familie war es rückblickend genau das Richtige, einen ganzen Lebens­abschnitt in Indien verbracht zu haben.

Würden Sie wieder ins Ausland gehen?
Grundsätzlich: Ja, wenn die berufliche Aufgabe interessant und heraus­fordernd und dies auch für die Familie reiz­voll ist.

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