Sebastian Arlt

Das Geheimnis der strengen Fürstin

Ihren Christstollen backt Oma Zeidler traditionell selbst – nach einem Geheimrezept mit dunkler Vergangenheit.

Man kann nur froh sein, dass Berta Höntzsch im Jahre 1902 einen kleinen Diebstahl beging. Und man kann es auch ein bisschen verstehen: Ihre Herrschaft, Fürstin von Reuß vom Schloss Hermsdorf, war streng und ließ dem Personal nichts durchgehen. Berta war gerade 18 Jahre alt und als Dienstmädchen in Stellung, als sie sich eines Tages ein wenig rächte und heimlich in die Schlossküche schlich. Sie griff zu Zettel und Stift, schrieb das geheime Rezept für den Christstollen ab – und bewahrte es so für die Nachwelt.

Heute misst Christine Zeidler in ihrer Küche in Coswig bei Dresden die Zutaten ab und sagt: „Ein Stollen, wie ihn die Fürsten gemocht haben – verglichen mit dem schmeckte der von meiner Mutter wie fader Semmelteig.“ Christine Zeidler, 77 Jahre alt, heiratete einst den Enkel jener diebischen Berta. Und seit 1954 backt sie den Stollen nach dem adligen Rezept: Die Großmutter ihres Mannes hat es ihr im Jahr ihrer Eheschließung verraten.

Einen Christstollen beim Bäcker zu kaufen, das käme Christine Zeidler in etwa so weihnachtlich vor wie Schnitzwaren „made in China“. Seit nunmehr 60 Jahren packt sie jeden 2. oder 3. November ihre Zutaten zusammen und macht sich auf zum Bäcker, einmal die Straße hinunter. Dort treffen sich die Frauen (und auch einige Männer) des Orts und kneten gemeinsam ihren Teig, jeder mit seinen eigenen Zutaten und nach seinem eigenen Rezept. Die Küchen daheim wären zu klein, außerdem hat nur der Bäcker die ideale Mischung aus Luftfeuchtigkeit und Hitze im Ofen. „Getratscht wird da nicht, da wird konzentriert gearbeitet“, sagt Christine Zeidler. Stollen backen, das ist in der Dresdner Gegend eine ernste Sache.

Striezel: Dresdner Wort für ‚Christstollen‘, das auch dem berühmten Striezelmarkt den Namen gab.

Und ein Großprojekt: „Bei mir werden es immer 16 bis 24 Pfund, für die ganze Familie“, erzählt Zeidler, als sie – ausnahmsweise und dem Gast zuliebe – den Teig für nur einen Stollen daheim in der Küche knetet. Den Hefeteig hat sie schon morgens um sechs angesetzt, jetzt kommen Rosinen, Orangeat und Zitronat dazu, geriebene Mandeln und jede Menge Butter. Dann muss der Teig eine halbe Stunde gehen. Damit in der Bäckerei die Teigstücke ja nicht verwechselt werden, steckt jeder ein kleines Metallschild hinein, auf dem der Name der Familie steht.

Der Bäcker formt dann die Laibe, die in ihrer Form an das Jesuskind erinnern sollen. Wenn sie fertig gebacken sind – „nicht zu dunkel, eher hellbraun, ein guter Striezel muss schön feucht sein“ –, packt Frau Zeidler ihre mindestens 18 Stollen in zwei Wäschekörbe und trägt sie zu ihrem Sohn. Dort sollen sie auf dem Balkon noch ein paar Tage ruhen, bevor sie gebuttert und ordentlich mit Puderzucker eingestäubt werden.

In ihrer Küche in Coswig ist Oma Zeidler heute noch nicht so weit, sie schickt ein Stoßgebet zum Himmel. „Lieber Gott, lass es gut werden.“ Als der Stollen im Ofen backt, erzählt sie von ihrer Jugend im ausgebombten Dresden und davon, dass man sich zu DDR-Zeiten nie ganz sicher sein konnte, ob wirklich Orangeat in der Packung war oder doch nur „kandierte Tomaten“, wie manche damals spotteten.

Das Geheimnis der strengen Fürstin Das kleine Metallschild gibt an, wem der Christstollen gehört. © Sebastian Arlt

Natürlich ist alles nicht nur gut, sondern hervorragend geworden, als Frau Zeidler den duftenden Stollen aus dem Ofen holt. Wahrscheinlich lag es am fürstlichen Rezept. Und falls himmlischer Beistand nötig war, hat der liebe Gott den kleinen Diebstahl der Berta Höntzsch ganz offensichtlich längst vergeben.

Christstollenrezept nach der Fürstin von Reuss

(in stark reduzierten Mengenangaben)

Zutaten

1,2 kg Mehl
1 Päckchen Hefe
1 Tasse warme Milch
350 g Butter
100 g Backmargarine
150 g Butterschmalz
250 g Zucker
50 g Bittermandeln (in Apotheken, Reformhäusern, zur Weihnachtszeit auch in manchen Supermärkten; ersatzweise auch ein Fläschchen Bittermandelaroma)
2 Päckchen Vanillezucker, gemischt mit der abgeriebenen Schale 1 Zitrone
300 g geriebene Mandeln
je 150 g Orangeat und Zitronat
600 g in Rum getränkte Rosinen

Zum Bestreuen

125 g zerlassene Butter
und viel, viel Puderzucker

Zubereitung

Mehl in eine Schüssel geben, in die Mitte eine Mulde eindrücken. Hefe hineinbröckeln, mit der lauwarmen Milch übergießen. Das Mehl langsam mit einem Löffel hineinrühren, Teig bei Zimmertemperatur eine halbe Stunde ruhen lassen.

Dann Butter, Margarine, Butterschmalz und alle weiteren Zutaten außer den Rosinen beigeben und den Teig kneten, bis er geschmeidig ist. Die Rosinen untermischen, Teig eine weitere Stunde ruhen lassen. Backofen auf 180 Grad vorheizen. Teig zu einem länglichen Laib formen, längs in der Mitte einschneiden und, beispielsweise mit einer Stricknadel, kleine Löcher einstechen. Den Laib 90 Minuten backen. Sobald der Teig nicht mehr an der eingestochenen Nadel kleben bleibt und die Kruste hellbraun ist, den Stollenlaib herausnehmen.

Eine Weile ruhen lassen, mehrmals mit der Nadel einstechen und mit zerlassener Butter bestreichen. Großzügig mit Puderzucker einstäuben – gern einen ganzen Zentimeter dick.


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