Sebastian Arlt

Weihnachtsballet in der Semperoper

Ein anstrengender Adventssonntag im Leben von Carl und Jasmin: Die beiden Besuchen die Palucca Hochschule für Tanz Dresden und stehen schon mit 13 Jahren auf der Bühne der Semperoper beim Weihnachtsballett schlechthin, dem Nussknacker.

12 Uhr

„Zwei, zwo – relevé! Zwei, zwo – und demi!“, ruft Frau Wolfram in den mit Spiegeln verkleideten Ballettsaal. Je nachdem welches Kommando die Ballettmeisterin gibt, dreht je ein gutes Dutzend Jungen und Mädchen Pirouetten oder trippelt auf Zehenspitzen. Während andere Menschen an diesem grau-nebligen Sonntag im Dezember 2015 vielleicht noch im Bett liegen oder gerade ein ausgiebiges Adventsfrühstück beenden, sind die Jugendlichen hier schon seit einer Viertelstunde am Trainieren. Unter ihnen Carl Becker und Jasmin Arndt, beide 13 Jahre alt, beide Schüler an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden. Sie haben an diesem Tag ihren großen Auftritt als „mechanische Puppen“ im Nussknacker, dem traditionellen Weihnachtsballett. „Jetzt einen Walzer!“, ruft Frau Wolfram dem in der Ecke sitzenden Pianisten zu, der je nach Bedarf die richtigen Melodien für das Training spielt. „Und bitte, Herr Weißbach!“

12.45 Uhr

Das Training ist vorüber, die anderen verschwinden schnell in den langen Gängen des Probengebäudes der Semperoper. Jasmin und Carl aber bleiben im Ballettsaal: Extrastunde für die Choreografie aus dem Nussknacker. Vor zwei Monaten haben die Proben begonnen, seit Ende November waren sie bei 8 der 16 Vorstellungen dabei – die übrigen Schichten übernahm eine andere Besetzung. „Wir haben gleich die schwedische Dirigentin, die macht ein ordentliches Tempo“, sagt Frau Wolfram, und die beiden Teenager nicken konzentriert. Als die Choreografie getanzt ist, lobt Frau Wolfram: „Mensch, Carl, die Drehung: sehr gut diesmal! Und Jasmin: neue Spitzenschuhe, aber schon perfekt eingetanzt – vorbildlich wie immer!“

13.15 Uhr

Jetzt heißt es: Ab in die Umkleide, wo die anderen Palucca-Kinder schon längst die Kostüme anlegen. Sie alle absolvieren neben den normalen Schulstunden ein immenses Trainingsprogramm, hinzu kommen die Auftritte. Viele von ihnen machen sich selbst noch zusätzlich Druck: Carl würde gern Profitänzer werden, genau wie seine Eltern. Jasmin hat das gleiche Ziel, und weil sich das als Palucca-Schülerin leichter erreichen lässt, ist sie mit ihrer Mutter nach der bestandenen Aufnahmeprüfung extra von Baden-Württemberg nach Dresden gezogen. Trotzdem albern sie zwischendrin herum wie alle anderen Kinder auch. Und welcher Ort würde sich dafür besser eignen als eine Opernumkleide, in der Rattenmasken aus Gummi, Husarenkostüme und große Holzsäbel herumliegen?

Weihnachtsballet in der Semperoper Carl (M.) ist Schüler an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden © Sebastian Arlt

13.20 Uhr

In der Maske sind Carls Haare relativ schnell mit Spray an den Kopf betoniert, bei Jasmin dauert es etwas länger. Bei ihr muss das Diadem sitzen, dazu kommt noch etwas Rouge auf die Wangen. Jasmin schließt die Augen und scheint die Behandlung zu genießen – verrät dann aber, wie angespannt sie gerade ist. „In Weihnachtsstimmung bin ich wirklich noch nicht – ich bin gerade viel zu sehr aufs Tanzen konzentriert.“

Jasmin und Carl tanzen: ein bisschen eckig, wie das mechanische Puppen eben tun, mit ordentlich Tempo, so wie es die schwedische Dirigentin verlangt.

13.50 Uhr

In zehn Minuten beginnt die Vorstellung, im Zuschauerraum sucht das Publikum seine Plätze. Hinter dem noch geschlossenen Vorhang gehen Carl und Jasmin ein letztes Mal ihre Tanzschritte durch – im Kostüm und auf der Bühne, unter den strengen Blicken von Olga Melnikova, Professorin an der Palucca-Hochschule. „Ziemlich schwer“, kommentiert Carl die Choreografie. „Und am schwersten ist: Wenn etwas schiefgeht, müssen wir weitertanzen, als wäre nichts.“

14 Uhr

Der Vorhang hebt sich, es geht los. Sie seien jedes Mal aufs Neue aufgeregt, hatten Carl und Jasmin eben noch gesagt. Da ist es gut, dass die Inszenierung ein Heimspiel ist: Die erste Szene spielt auf dem Striezelmarkt und vor der Kulisse des Zwingers – Semperoper-Ballettchef Aaron S. Watkin und Palucca-Rektor Professor Jason Beechey haben den Nussknacker nach Dresden verlegt.

14.15 Uhr

Zweite Szene: Bescherung bei einer Familie, die Kinder spielen mit ihren Geschenken, bis der seltsame Gast Drosselmeyer ein weiteres Präsent in den Salon schieben lässt. Ein riesiges Paket mit zwei großen Puppen – die sogar tanzen! Jasmin und Carl sind vor fünf Minuten hinter der Bühne in die Kiste gestiegen, ihre Arme und Beine sind von der Warterei etwas eingerostet. Aber jetzt gilt es!

14.17 Uhr

Geschafft! Natürlich ist nichts schiefgegangen, Carl und Jasmin haben mindestens so gut getanzt wie bei der Generalprobe: ein bisschen eckig, wie das mechanische Puppen eben tun, mit ordentlich Tempo, so wie es die schwedische Dirigentin verlangt. Die beiden Tänzer strahlen glücklich.

14.30 Uhr

Nach langem Herumirren in dem Labyrinth hinter und unter der Bühne haben Jasmin und Carl endlich die Opernkantine gefunden – und siehe da: Fast alles wurde schon aufgegessen! Auf Schokoriegel und Cola umzusteigen gehe aber auch nicht, sagt Jasmin: „Als Tänzer sollte man auf die Ernährung achten.“ Deshalb nehmen die beiden die Gemüsebeilagen, die noch übrig sind.

14.45 Uhr

Aufgegessen. Heimgehen und Faulenzen ist aber leider nicht, denn in etwas mehr als drei Stunden steht die zweite Vorstellung an. Was sie bis dahin machen? „Ein bisschen ausruhen und quatschen“, sagt Jasmin. „Vielleicht was auf dem Handy spielen“, meint Carl. Und zwischendrin sei ja noch ein Training. Macht das nicht zusätzlich müde, an so einem langen Tag? „Nein, das ist gut!“, ruft Jasmin. „Wenn man sooooo lange nicht auf der Bühne war, braucht man das für das richtige Gefühl!“

www.semperoper.de

Weihnachtsballet in der Semperoper Faulenzen kann Jasmin nach der Vorstellung nicht, denn es steht noch eine zweite auf dem Programm. © Sebastian Arlt

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