Sebastian Arlt

Integration mit Rotkohl, Gans und Klößen

In Dresden-Klotzsche kocht eine Initiative gemeinsam mit Flüchtlingen gegen Hass und für mehr Verständnis.

Der Topf dampft schon eine Viertelstunde auf dem Herd, aber was da nun genau drinnen ist, hat Mohammad immer noch nicht herausgefunden. „Looks a little bit like tennis balls“, sagt der 25 Jahre alte Geschichtsstudent aus dem syrischen Kafranbel auf Englisch: „Sieht ein bisschen aus wie Tennisbälle.“ Anna, eine Studentin aus Dresden, versucht zu helfen: „Das sind Klöße!“ Mohammad guckt weiter ratlos. „Knödel? Dumplings?“, probiert es Anna auf Bayrisch und Englisch, dann versucht sie es mit einer Beschreibung: „Das sind zermanschte und dann wieder zusammengedrückte Kartoffeln.“ Mohammad nickt skeptisch. Seltsame Essgewohnheiten haben sie, diese Deutschen.

Wir wollten von Anfang an auf ein gutes Miteinander hinarbeiten.
Petra, Helferin aus Dresden-Klotzsche

In der Alten Post in Dresden-Klotzsche, dem Gemeindehaus der evangelischen Kirche, wird an einem Dezemberabend im Jahr 2015 weihnachtlich gekocht: Gans, Rotkohl und eben jene Klöße, die den anderen Gästen gar nicht so unheimlich sind. Die meisten stammen zwar wie Mohammad aus eher kloßlosen Gebieten wie dem Nahen Osten oder Afrika und leben wie er als Asylbewerber in Deutschland. Aber sie waren schon früher am Abend da und haben mitgeholfen, die „zermanschten und wieder zusammengedrückten Kartoffeln“ zu formen. Die Gans hat ein benachbarter Hotelier gespendet und netterweise auch schon vorbereitet – wie die anderen Helfer ist er Mitglied der Initiative „Brücken schaffen“, die sich hier im Dresdner Norden engagiert, um Flüchtlingen die Integration zu erleichtern.

Schon Anfang 2015, als die Flüchtlingsthematik eher noch in den Randspalten der Zeitung verhandelt wurde, gründete sich das Netzwerk. „Damals wurden Pläne für ein Asylbewerberheim in Klotzsche bekannt“, erzählt Katia aus Klotzsche, die sich wie Petra im Arbeitskreis Freizeitgestaltung engagiert, der neben den Kochabenden auch Malkurse und Sportnachmittage organisiert. „Wir wollten von Anfang an auf ein gutes Miteinander hinarbeiten.“

Flüchtlingen das Ankommen in Sachsen erleichtern

Längst sorgt das Thema Asyl für größere Schlagzeilen, teils leider für unschöne. Doch natürlich gibt es auch in Sachsen Menschen wie Katia und Petra, die im vergangenen Jahr begannen, sich zu engagieren und bis heute mit viel Ausdauer zu helfen versuchen. In vielen Orten versuchen Arbeitskreise und Initiativen mit freiwilliger Arbeit, den Geflüchteten das Ankommen zu erleichtern.

Integration mit Rotkohl Gans und Klößen In Syrien studierte Mohammad Geschichte, an dem vorweihnachtlichen Kochabend in Dresden die Essgewohnheiten seiner neuen Heimat. © Sebastian Arlt

Die Flüchtlinge, die an jenem Dezemberabend im Jahr 2015 in den großen Saal der Alten Post gekommen sind, wohnen in unterschiedlichen Teilen von Dresden und haben durch die Deutschkurse, die „Brücken schaffen“ im Festspielhaus Hellerau anbietet, bereits Kontakte ins benachbarte Klotzsche geknüpft. Geschichtsstudent Mohammad etwa ist mit der Straßenbahn durch die halbe Stadt gefahren, von noch weiter ist die Familie von Abdulkafi angereist. Der Vater, Tierarzt aus dem syrischen Rakka, ist vor 18 Monaten geflohen und bereits anerkannter Asylbewerber. Er hat eine Wohnung im Dresdner Süden gefunden und wollte eigentlich erst eine Arbeit suchen, bevor er die Familie nachholt.

Doch dann kam alles anders: Weil der sogenannte Islamische Staat Rakka zu seiner Hauptstadt machte, begann eine internationale Koalition, die Stadt zu bombardieren. Abdulkafis Ehefrau Fatima fürchtete um ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder. Also machte sich die Kinderärztin mit den zwei kleinen Söhnen Alhares und Alyaman und Töchterchen Gesan nach Deutschland auf. Durch die Türkei, über das Mittelmeer, weiter nach Norden – immer dem Vater hinterher. Jetzt ist die Familie in Dresden wieder vereint.

Integration mit Rotkohl Gans und Klößen
Auch ein Jahr nach unserem Besuch organisieren Katia und Petra noch ähnliche Abende, um den Kontakt zwischen Geflüchteten und Einheimischen zu fördern. © Sebastian Arlt

Katia und Petra nicken, sie kennen den Fall. Abdulkafi war schon bei den Deutschkursen regelmäßiger Gast in Klotzsche, er will schnell die Sprache lernen – und seiner Frau und den Kindern an jenem Abend die Menschen zeigen, die er hier in Dresden kennengelernt hat. Dann heißt es aus der Küche: „Essen ist fertig!“ Kurze Zeit später sitzen alle gemeinsam an der geschmückten Tafel. Kinder und Erwachsene, Helfer und Flüchtlinge. Mohammad seziert seinen ersten Kloß, ganz vorsichtig, dann aber probiert er ihn doch. „Not so bad, these tennis balls“, sagt er: „Gar nicht mal so schlecht, diese Tennisbälle.“

www.bruecken-schaffen.de


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