Sebastian Arlt

Und er dreht es doch

Christian Werner hat ein altes Handwerk neu belebt – und fertigt auf verblüffende Weise filigrane Holz­figuren.

Christian Werner fällt auf. Der 46-Jährige trägt eine Zimmer­manns­kluft aus braunem Cord und weißem Leinen und auf dem Kopf gerne eine bunte Zipfel­mütze. Seine Gesichts­züge sind fein, auf der spitzen Nase balanciert er eine runde Intellektuellen­brille. Nur Horn­haut und Schwielen an seinen Fingern verraten, dass er sein Geld mit seinen Händen verdient.

Vom Holz­stamm zum Holz­pferd: Mit seinen Eisen ... © Sebastian Arlt
... graviert der Seiffener Reifen­dreher Christian Werner zunächst das gewünschte Profil in die rotierende Holz­scheibe. © Sebastian Arlt

In seiner Werkstatt im Spiel­zeug­dorf Seiffen klopft Werner eine dicke Scheibe Fichten­holz auf die Achse seiner Dreh­bank und lässt das Stück rotieren. Dann setzt er sein Eisen an – schon sausen Streifen aus dünnstem Holz durch den Raum, als wären es Luft­schlangen. Hier kommt etwas Holz weg, dort noch eine Kerbe hinein, bald ist aus der Scheibe ein Ring geworden. Als Werner die Dreh­bank in den Leer­lauf stellt, sagt er: „Man hat mich für verrückt erklärt – aber ich wollte diese wunder­bare Technik wieder aus dem Museum holen.“

Danach schneidet er seine Tierchen Stück für Stück aus dem so entstandenen Ring. © Sebastian Arlt

Werners Hand­werk ist das Reifen­drehen. Als kleiner Junge schickte ihn sein Vater – ein Männel­macher – ab und an zu Kollegen, um Teile für Holz­figuren zu holen. „Der Himmel über Seiffen ist das Dach einer großen Manu­faktur“, erklärt Werner, „mancher macht nur Schafe, der nächste Bäume – und dann werden die Teile zu einem Ganzen zusammen­gefügt“, zu den berühmten Pyramiden etwa. Wurde der Sohn zu einem Reifen­dreher geschickt, musste der Vater oft lange warten: Der Junge saß in der Werk­statt und staunte.

Jahre später, Christian Werner war inzwischen gelernter Holz­spiel­zeugmacher, fand er im Seiffener Freilicht­museum eine Anstellung. Nebenan wohnte ein alter Meister, der die mittlerweile selten gewordene Technik des Reifen­drehens noch beherrschte. Nach langem Über­reden kam der Alte in die Schau­werkstatt und gab Werner Tipps. Er lernte, dass sich nur das Holz von ganz gerade gewachsenen Fichten eignet, dass die besten an Nord­hängen wachsen und idealer­weise zu Vollmond geschlagen werden. Dass man sie dann noch eine Weile mit der Krone in Tal­richtung liegen lässt, damit der Baum seine Säfte aufzehrt. Dass das Holz trotzdem nicht trocken sein darf, wenn es auf die Dreh­bank kommt. Vor allem lernte Werner aber, wie man das Eisen mit Kraft und Fein­gefühl zugleich führt. Dann machte er sich selbst­ständig.

Nur: Wozu braucht man Holz­reifen – und seien sie noch so kunstvoll gefertigt? Werner löst den Ring vom Stamm und setzt ein Messer an, als wolle er einen Baum­kuchen anschneiden. Er schlägt mit einem Hämmerchen auf das Messer, erst einmal, dann einen guten Zenti­meter weiter noch mal. Das Stück­chen, das er so aus dem Ring heraus­getrennt hat, ist – ein kleines Holz­pferd! Werner klopft nun Scheibe um Scheibe ab, bald stapeln sich die Pferdchen. Durch das Reifen­drehen wurde es den Seiffenern möglich, mit wenigen Arbeits­schritten große Mengen Spiel­zeug­tiere herzustellen – Ende des 18. Jahr­hunderts war das Reifen­drehen eine technische Sensation. Und wer heute Christian Werner zusehen darf, muss sagen: Das ist es noch immer.

Noch ein wenig zurecht­geschnitzt und liebevoll bemalt, bevölkern sie schließlich zum Beispiel Werners selbst konstruierten Pyramiden­leuchter. www.reifentiere.de © Sebastian Arlt

Werner bringt die Tiere in den ersten Stock, dort werden die Konturen mit ein paar Messer­schnitten verfeinert, dann bemalt. 260 verschiedene Figuren haben er und seine acht Mitarbeiter im Programm, die einzeln, in Sets oder auf dem eigens konstruierten Pyramiden­leuchter verkauft werden. Sich immer neue Figuren auszudenken liebt Werner besonders. Und auch wenn er nur mit alten Techniken fertigt, lässt sich Werner in der Formen­sprache nicht beschränken. Dann schimpfen seine Mit­arbeiter: „Kannst du dir nicht mal was Normales einfallen lassen?“ Wer die gerollten Rüssel von Werners Elefanten betrachtet, kann die Mitarbeiter verstehen – ihr Chef fällt eben gern auf.


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