Sebastian Arlt

Über sorbische Weihnachts­traditionen

Morgen kommt der Mikławš: Die in Sachsen lebenden Sorben haben eine Reihe vorweihnachtlicher Traditionen, die sie bis heute weiterführen. Susanne Hose vom sorbischen Institut in Bautzen erklärt ihren Ursprung.

Frau Hose, ein verschleiertes Mädchen mit einer Rute in der Hand – das klingt nicht sehr weihnachtlich. Wie erklären Sie den Brauch des Christkindels?

Das Beschenken der Kinder in der Vorweihnachtszeit hat eine lange Tradition. Der Nikolaus, sorbisch Mikławš, ist die allgemein bekannte Beschergestalt, sie ist aber nicht die einzige. In den katholischen Dörfern um Wittichenau besucht am 4. Dezember die Heilige Barbara, sorbisch Borborka, die Familien. Verschleiert und ganz in Weiß segnet sie alle und beschenkt die Kinder. Ihr Auftreten ähnelt dem des Christkindels um Schleife, sorbisch dźěćetko, das mit zwei Begleiterinnen von Haus zu Haus geht, mit der Lebensrute die Menschen berührt und kleine Gaben überreicht. Nach der Reformation empfand man in den evangelischen Gemeinden das Auftreten von Heiligen wie Nikolaus und Barbara als Überbleibsel aus katholischer Zeit. An ihre Stelle rückte das Christkindel – ein Brauch, der sich bei den Sorben in Schleife und übrigens auch im Niederlausitzer Jänschwalde erhalten hat. Dort spricht man vom Janšojski bog, dem „Jänschwalder Christ“.

Es ist für jedes Mädchen etwas Besonderes, das dźěćetko sein zu dürfen.
Susanne Hose

Wieso aber trägt das Christkindel so eine aufwändige Tracht und einen Schleier?

Hier geht es nicht um Mummenschanz, sondern um eine Art heilige Handlung. Als Vorbote der nahenden Weihnacht überbringt das Christkindel Glück und Segen. Und dazu gehört ein würdevolles Gewand. Die Festtracht war das beste Kleid, das ein Mädchen besaß. Elemente aus der Brauttracht steigerten die Festlichkeit. Schleier und Handschuhe lassen das Christkindel geheimnisvoll wirken. Es ist keine irdische Gestalt. Das Mädchen, das daruntersteckt, muss daher sein menschliches Antlitz verbergen und darf nicht sprechen.

Sie meinen: Wenn die Tochter des Bäckers auf einmal das Christkind sein sollte, nahm ihr das ohne Schleier niemand ab.

Ja, der Schleier hat auch diesen praktischen Effekt. Gewiss war und ist es für jedes Mädchen etwas Besonderes, das dźěćetko sein zu dürfen.

Wie steht es heute um diese Tradition?

In den Dörfern um Schleife lebt der Brauch fort. Dafür muss aber aktiv etwas getan werden. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts trafen sich die Mädchen während der Winterzeit in der Spinnstube, um Garn zu spinnen, und kümmerten sich auch um solche Traditionen. Die als Nächste heiratete, durfte das Christkindel sein. Heute gibt es die Spinnstuben nicht mehr, und so übernehmen andere Gemeinschaften die Organisation, die Kirchgemeinde, der Heimatverein oder der Jugendclub.

Sorbische Weihnachtstraditionen in Sachsen Susanne Hose vom sorbischen Institut in Bautzen beschäftigt sich mit den Traditionen des westslawischen Volkes. © Sebastian Arlt

Und wie steht es um die anderen sorbischen Weihnachtsbräuche?

Im katholischen Radibor ziehen die Kinder am Nikolaustag von Tür zu Tür und heischen Süßigkeiten. Respekt verlangt ihnen Knecht Ruprecht ab, sorbisch rumpodich. Die kettenrasselnde, finstere Gestalt droht, „böse“ Kinder in den Sack zu stecken und mitzunehmen. Seine Deutung als besinnliches Fest der Familie hat Weihnachten auf dem Land erst seit gut 150 Jahren. In dieser Zeit hielt auch der Weihnachtsbaum Einzug und löste die Lichterpyramiden ab – einfache Holzgestelle mit Kerzen, die mit Tannengrün, Strohbändern und Nüssen geschmückt waren. Besondere Speisen wie Erbsbrei, Hering oder Hirse verhießen Glück und Wohlstand im folgenden Jahr. Schließlich zeichnet sich Weihnachten bis heute durch traditionelles, vor allem aber reichliches und gutes Essen (Link zum Artikel über Lausitzer Gänsebraten) aus.

www.serbski-institut.de


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