Das sorbische Christkind

Die Sorben um Schleife und Hoyerswerda pflegen bis heute eine sehr eigene Tradition: ein verschleiertes Christkind, sorbisch dźěćetko, streichelt anderen über die Wange – auf dass sie im neuen Jahr Glück haben.

Das sorbische Christkind
© Sebastian Arlt

Das Geheimnis um das sorbische Christkind

Wer diese junge Dame ist, der im Dezember 2015 beim Anlegen der Tracht geholfen wird, darf leider nicht verraten werden. Nur so viel: Sie ist 16 Jahre alt und wohnt in Schleife, einem Ort in der Oberlausitz. Vor allem aber hatte sie in dem Jahr die Ehre, das Christkindel, sorbisch dźěćetko, zu spielen.

Das sorbische Christkind
© Sebastian Arlt

Ein Christkind mit Würde, Freude und Schleier

Die Tradition verlangt es, das niemand wissen darf, wer das himmlische Wesen ist. Um seine Identität im Wortsinne zu verschleiern, trägt das Christkindel weiße Spitze vor dem Gesicht. Sylvia Panoscha (re.), die im Sorbischen Kulturzentrum arbeitet, kennt sich mit dem Anlegen der Tracht aus. In Schleife wählt man jedes Jahr diejenige Konfirmandin aus, von der man glaubt, dass sie alle Aufgaben „mit entsprechender Würde und Freude ausführen“ kann.

Das sorbische Christkind
© Sebastian Arlt

Ein Christkind namens Werner

Die Begleiterinnen des Christkindels sind hingegen nicht geheim: Vivien, 15 Jahre (li.), und Johanna, 14 Jahre (re.). Sie führen das Christkindel und tragen Laterne und Gabenkorb. Aus diesem verteilen sie Süßigkeiten und Obst, wenn sie gemeinsam mit dem Christkindel in Schulen, Altenheimen oder auf dem Weihnachtsmarkt auftreten. Und damit sie nicht unbedacht den Namen des Christkindels verraten, nennen sie ihre unter dem Schleier steckende Freundin dabei vorsichtshalber nur „Werner“.

Das sorbische Christkind
© Sebastian Arlt

Eine Streicheleinheit, die Glück bringt

Als die drei an diesem Abend den Saal des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife betreten, ist es sofort mucksmäuschenstill. Keiner der anwesenden Gäste spricht ein Wort. Das dźěćetko schreitet langsam von Tisch zu Tisch und streichelt jedem dreimal über die Wange. Das soll Glück bringen für das neue Jahr. „Die Menschen hier wissen das zu schätzen“, flüstert Vivien. Und Johanna fügt hinzu: „Manche weinen sogar vor Rührung.“

Das sorbische Christkind
© Sebastian Arlt

Erst Christkind, dann Braut?

Dann geht es nach draußen, eine Runde durch das Dorf. „Aber nicht erkälten!“, ruft Frau Panoscha ihnen nach. „Na klar“, bricht das Christkindel sein Schweigen: „Wenn mir die Nase läuft, wird das schwierig mit dem Schleier!“ Lange dauert der Spaziergang nicht: Eine ungeschriebene Regel besagt, dass das Christkindel die Ortsgrenze nicht überschreiten darf. Früher übernahm die Rolle des Christkindels übrigens diejenige, die im neuen Jahr heiraten wollte. Und obwohl die junge Dame das Christkindel an diesem Abend zum letzten Mal spielen und dann den Schleier weiterreichen wird, sagt sie: „Heiraten, jetzt schon? Nein, das habe ich noch nicht vor.“


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