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Kazim Akboga: „Is’ mir nicht egal“

Kazim Akboga polarisiert: Sein Youtube-Hit „Is mir egal“ ist rund 15 Millionen Mal geklickt worden, für seinen nackten Auftritt im Clip „Tanz den Akzeptanz“ erntet er auch Spott. Im Interview verrät er, wie er mit Hate Speech umgeht und was ihm wirklich egal ist.

Sie haben vor ein paar Monaten am eigenen Leib erfahren, was Hass im Netz bedeutet: Als Reaktion auf Ihr Video, in dem Sie Erdoğan und Böhmermann empfehlen, sich einen „Zungenküss“ zu geben, haben User Sie schwer beleidigt und Ihnen sogar gedroht. Am Ende haben Sie das Video gelöscht. Hatten Sie Angst?

Kazim Akboga: Wenn man ein bisschen sensibel ist, ist es schwierig, sich von diesem ganzen Hass loszulösen, der einem da entgegenschwappt. Da hat man natürlich auch Schiss. Es war eine ganz menschliche Reaktion, das Video einfach rauszunehmen. Politisches Interesse hin oder her – meine Sicherheit geht vor! Immerhin gab es Morddrohungen gegen mich.

Auch mit Ihren anderen Videos lösen Sie ganz unterschiedliche Reaktionen aus: von „Geil, Digga, mach weiter so!“ bis zu üblen Beschimpfungen und Hate Speech. Provozieren Sie mit Absicht?

Es schwingen immer mehrere Sachen mit, wenn man so ein Video produziert. Manchmal ist es tatsächlich nur Provokation um der Provokation willen, wie es Böhmermann gemacht hat. Am Ende weiß ich manchmal nicht mehr, ob ich einen Clip wegen der Aufmerksamkeit gemacht habe oder ob mir das Thema wirklich am Herzen liegt. Es ist gar nicht so leicht, das dann auseinanderzuklamüsern.

Wie gehen Sie mit den negativen Reaktionen um?

Ich denke mir: Der Typ wird unter jedes Video einen Hasskommentar schreiben – auch wenn im Clip nur eine Blume zu sehen ist, tippt er „Scheißblume“ in die Tasten. Es gibt so einige, die ihren persönlichen Frust im Netz abladen. Das trifft mich schon ein bisschen, auch wenn ich immer versuche, mich davor zu schützen. Das klappt nicht immer ganz. Man ist als Künstler ja auch etwas sensibler.

Wenn jemand besonders frech ist: Antworten Sie ihm dann einfach? Was ist Ihr Rezept gegen Feindseligkeiten im Netz?

Ich antworte so gut wie nie auf Kommentare. Wenn, dann auf eine ironische, humorvolle Art und Weise, in der ich mich selbst auf die Schippe nehme. Das hängt natürlich auch von den Videos und den Kommentaren ab. Wenn die besonders aggressiv oder plump sind, dann gehe ich gar nicht erst darauf ein.

Ist Löschen eine Option?

Löschen würde ich die Kommentare nicht. Auch wenn klar ist, dass es keine politisch korrekten Kommentare sind, leben wir immer noch in einem freien Land. Ich will keine Zensur betreiben. Schließlich entlarven sich die Leute so selbst.

Kazim Akboga „Is’ mir nicht egal“ Kazim Akboga wurde, als Reaktion auf sein Video, in dem er Erdoğan und Böhmermann empfiehlt, sich einen „Zungenküss“ zu geben, von Usern schwer beleidigt und sogar bedroht. © Svan PhotoArt

„Is mir egal“ ist Ihr größter Erfolg. Wie sehr nervt es Sie, auf diese Rolle reduziert zu werden?

Das ist eine Medaille mit zwei Seiten. Klar weiß ich, dass der Clip gut angekommen ist und diese gleichgültige Haltung für mich wie ein Dach ist. Doch jetzt ist es schwierig, dieses Label abzulegen. Denn ich will natürlich mehr Sachen machen, die auch andere Themen bespielen. Ohne diesen Erfolg hätte ich andererseits nicht die Möglichkeit, mich auszuprobieren, und keine Plattform, auf der immer eine Menge Leute bereit sind, meine Sachen anzusehen, egal ob es jetzt wieder so krass ankommt oder ein bisschen weniger. Man muss ja nicht immer Hits machen.

Welche anderen Themen möchten Sie umsetzen?

Als Nächstes habe ich einen Anti-Kriegs-Song geplant. Eine Art ironische, nicht ganz ernst gemeinte Flower-Power-Version.

Ihr jüngstes Video trägt den Titel „Tanz den Akzeptanz“. Ist das nicht Ihre eigentliche Botschaft? Akzeptiere dich und andere?

Ja, das ist schon so. Das entspricht meiner Persönlichkeit. Ich akzeptiere mich, so wie ich bin, und projiziere das auch nach außen. Ich bin generell dafür, dass jeder sein Zeug macht und sein Gegenüber dabei nicht verletzt. Ich bin für Toleranz.

Wie gehen Sie mit Fremdenhass in der Öffentlichkeit um?

Ehrlich gesagt habe ich persönlich unverhohlenen Rassismus in Berlin noch nicht erlebt. Das ist in der Hauptstadt kaum möglich: Wer soll wen hassen? Wer ist die Minderheit? Berlin ist eine weltoffene, bunte Stadt. Ich bin selber Türke und erlebe manchmal Sachen, die nicht ganz so heftig sind. Da kann ich mich einfach mit Humor wehren. Was richtig Krasses ist mir noch nicht passiert. Wie ich dann reagiere, kann ich schlecht vorhersagen.

Manchmal hat man Schiss
Kazim Akboga

Stichwort „Zivilcourage“: Was glauben Sie, wie Sie sich verhalten, wenn jemand Drittes belästigt wird?

Ich glaube, das weiß man wirklich erst dann, wenn es unmittelbar passiert. Grundsätzlich setze ich auf Menschlichkeit. Doch das kommt wahrscheinlich auf die Typen an und wie mutig man in dem Fall ist. Wenn das Teenies sind, sage ich bestimmt was. Aber wenn ein riesengroßer Nazi vor mir steht, hätte ich schon etwas Schiss.

Vorletzte Frage: Was ist Ihnen nicht egal?

Wie gesagt: Menschlichkeit ist mir nicht egal. Humor und Toleranz sind mir nicht egal. Und meine Kunst ist mir nicht egal.

Hand aufs Herz: Und was ist Ihnen tatsächlich egal?

Materielles ist mir ziemlich scheißegal. Solange man über die Runden kommt und was zu essen hat, ist die Welt rund.


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