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Frau Korn, wie finden Radikalisierte zurück in die Gesellschaft?

Seit zwölf Jahren arbeitet Judy Korn mit ihrer NGO „Violence Prevention Network“ mit rechtsextremistischen oder religiös motivierten jungen Gewalttätern. Wir haben mit der 45-Jährigen über Konfrontation, Vorwürfe und ihren Dialog mit den Jugendlichen gesprochen.

Kann jeder Mensch sich verändern?
Judy Korn: Wir können reflektieren und Schlüsse aus unserem Verhalten ziehen. Daher sind wir Menschen zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens in der Lage, einen anderen Weg einzuschlagen – wenn wir wollen. Verlieren wir den Glauben daran, dass sich jemand ändern kann, dann liegt ganz viel im Argen.

Seit Sie 14 Jahre alt sind, setzen Sie sich gegen Gewalt ein. Das „Violence Prevention Network“ (VPN) gibt es seit zwölf Jahren. Haben Sie manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen?
Nein. In Deutschland haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren methodisch und infrastrukturell viel auf die Beine gestellt, um gut mit jungen Menschen, die sich radikalisieren, zu arbeiten. Klar würde ich mir wünschen, dass es das nicht mehr braucht. Da Konflikte und politische Themen aber immer globaler werden, wird uns das Phänomen Radikalisierung noch lange begleiten. Das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen, habe ich nur in manchen Verhandlungen mit politisch Verantwortlichen. Aber auch das hat sich gebessert, weil mehr Wert auf Prävention und nicht mehr nur auf Sicherheitsaspekte gelegt wird.

Zur Person: Judy Korn

Judy Korn, 45, ist Geschäftsführerin des Violence Prevention Network. Schon in Schulzeiten setzte sie sich für ein gewaltfreies Miteinander ein. Sie studierte Erziehungswissenschaften in Berlin und erarbeitete die Methode der Verantwortungspädagogik. Diese ist die Basis für die 2004 in Berlin gegründete NGO „Violence Prevention Network“, die mit ideologisch motivierten jugendlichen Gewalttätern arbeitet. 2010 und 2011 wurde Judy Korn für den Deutschen Engagementpreis nominiert, außerdem wurde sie im Juli 2016 von Edition F zu einer der „25 Frauen, die unsere Welt besser machen“ gekürt.

Frau Korn, wie finden Radikalisierte zurück in die Gesellschaft? Judy Korn © VPN/Judy Korn

Welche Faktoren führen dazu, dass Jugendliche sich einer extremistischen Gruppe anschließen?
Wir nennen das „Verlust der Selbstwirksamkeit“. Viele junge Menschen sehen keine Möglichkeit, einerseits ihr Leben und andererseits die Gesellschaft zu gestalten. Sie sind sehr empfänglich für Gruppierungen, die eine scheinbar einfache Antwort auf alle Fragen geben und wo sie obendrein an etwas mitwirken können.

Aber etwas verändern können sie doch auch in Sport- oder Jugendclubs.
Das Maß an Teilnahme und Mitgestaltung, das junge Menschen bekommen, die nach Syrien gehen, um dort für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen, ist fast nicht zu übertreffen. Dort an diesen – aus Sicht der Radikalisierten – einmaligen staatsbildenden Handlungen mitzumachen birgt ein Gefühl der Bedeutsamkeit, das ich in einem Sportverein oder bei einem Chor nicht bekomme.

Welche Rolle spielt die Wertvorstellung der Familie bei der Radikalisierung?
Nicht alle Extremisten kommen aus Elternhäusern, die die Demokratie als Staatsform ablehnen. Bei vielen Menschen in unseren Beratungsstellen hat die Familie von außen betrachtet gut funktioniert, demokratische Grundhaltung und Wertvorstellungen inklusive. Hier kann es ein Abgrenzungsprozess sein, der zur Radikalisierung führt.

Frau Korn, wie finden Radikalisierte zurück in die Gesellschaft
Das VPN will erreichen, dass sich Jugendliche von menschenverachtenden Ideologien distanzieren. © Stocksy

Auf welche Anzeichen können Lehrer und Angehörige bei gefährdeten Jugendlichen achten?
Wenn junge Menschen plötzlich dazu neigen, in ein Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen; sie trennen zwischen „Wir“ und „Ihr“ und lehnen bestimmte soziale Gruppen ab. Auffällig ist auch, wenn der Freundeskreis komplett gewechselt wird. Aber Radikalisierungsprozesse verlaufen auch sehr individuell – da gibt es kein Strickmuster.

Ihr persönlicher Schwerpunkt liegt in der Arbeit mit inhaftierten, religiös motivierten oder rechtsextremen gewaltbereiten Jugendlichen. Wie läuft diese Betreuung ab?
Das hängt vom Grad der Radikalisierung ab. Im Jugendstrafvollzug geht es häufig um Gruppentrainings mit Menschen, die sich für extremistische Ideologien – von Rechtsextremismus bis Islamismus – interessieren. Bei inhaftierten Rückkehrern aus Syrien hingegen gibt es meist Einzeltrainings. Mal wird der Kontakt über die sozialen Dienste der Haftanstalt hergestellt, mal über Sicherheitsbehörden, und mal werden die Inhaftierten selbst aktiv. So ein Training funktioniert sowieso nur, wenn der Betroffene das auch selbst möchte.

Wir wollen Menschen dazu bringen, sich zu hinterfragen.

Wie groß ist die Bereitschaft der Radikalisierten, an Ihrer Maßnahme teilzunehmen?
Sehr selten wollen Insassen gar nicht mit uns sprechen. Wir arbeiten aber mit Menschen, die sich zu Beginn der Maßnahme noch nicht dafür entschieden haben, aus der Szene auszusteigen. Daher ist unsere erste Aufgabe das Ingangsetzen der Distanzierungsprozesse. Nicht alle Syrien-Rückkehrer, die in Haft sitzen, sehen ihre Tat als Fehler und wollen jetzt Demokrat werden. Wir sind kein klassisches Aussteigerprogramm, sondern setzen früher an und wollen Menschen dazu bringen, sich zu hinterfragen.

Wie gehen die Trainer und Betreuer auf die radikalisierten Jugendlichen zu?
Indem sie einen Dialog kreieren und keinen Vortrag. Sie fragen viel und lassen viele Fragen zu.

Auf eine mitfühlende Art und Weise?
Oft entsteht der Eindruck, dass Menschen, die mit Radikalisierten arbeiten, Verständnis für deren Verhalten haben. Die Trainer akzeptieren die Person als solche – schließlich muss eine positive Beziehung aufgebaut werden, wenn Sie in einen langfristigen Beratungsprozess gehen. Es ist aber von Anfang an klar: „Ich verstehe, warum du gewalttätig warst – Verständnis habe ich dafür aber nicht.“ Das ist ein sehr feiner Grat! Die konfrontative Pädagogik arbeitet viel mit Vorwürfen, was aus unserer Erfahrung nicht zielführend ist. Schließlich geht es darum, sich selbst zu hinterfragen, ohne sich wertlos zu fühlen. Am Ende der Deradikalisierung soll eine stabile Persönlichkeit stehen, die neuen Anwerbungsversuchen widersteht.

Ist Gegenrede bei Hasskommentaren im Netz aus Ihrer Sicht also kontraproduktiv?
Wenn es um Radikalisierte geht: Ja. Denen bestätige ich ihr Weltbild und treibe sie weiter in die Radikalisierung. Für Jugendliche, die gerade im Stadium des Neugierig-Seins und des Zweifelns sind, hat Gegenrede aber eine wichtige Signalwirkung. Sie sehen dadurch, dass es Menschen gibt, die sich wehren und sagen: „Wir wollen solchen Hass nicht!“ Das ist das Für und Wider von Counter Speech – dessen muss man sich bewusst sein.

Die Arbeit des Violence Prevention Network

Das Violence Prevention Network will mit seiner Deradikalisierungsarbeit ideologisch gefährdete Menschen und extremistisch motivierte Gewalttäter dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern. Das VPN arbeitet in drei Bereichen: In der Präventionsarbeit sollen gefährdete Jugendliche im Dialog ihr Wissen erweitern. Auch Multiplikatoren wie Lehrer oder Polizisten werden von VPN im Umgang mit Extremismus geschult. In der Intervention beschäftigen sich Trainer von VPN mit extremistisch motivierten Gewalttätern, die bereits in Haft sitzen, und unterstützen sie dabei, sich wieder in die demokratische Gesellschaft zu integrieren. Der Bereich der Deradikalisierung bzw. Ausstiegsbegleitung schließlich zielt auf Jugendliche ab, die schon kurz vor der Ausreise in ein Krisengebiet sind oder aus einem solchen zurückkehren. Sie sollen dazu angeregt werden, sich von menschenverachtenden Ideologien zu distanzieren.

Welchen Einfluss hat die Vernetzung im Internet auf den Grad der Radikalisierung?
Es ist problematisch, wenn ein junger Mensch „Was ist der wahre Dschihad?“ bei Google eingibt und dann Ergebnisse fragwürdiger Organisationen und Institutionen erhält. Er kann oft nicht werten, ob die Erklärung wertfrei oder gefährlich ist.

Arbeiten Sie mit Ihren Klienten vorwiegend on- oder offline?
Was uns häufig begegnet, sind junge Menschen, die Soziale Netzwerke nutzen, um miteinander in Kontakt zu treten und Meinungen auszutauschen. Das Internet spielt bei der Rekrutierung eine wichtige Rolle. Wir Betreuer halten uns daher in virtuellen Räumen auf, um mit Radikalisierten in den Dialog zu treten. Dann versuchen wir, offline in den Beratungsstellen mit ihnen weiterzuarbeiten. Wichtig ist das Internet vor allem für Mädchen und Frauen, die sich der islamistischen Szene anschließen wollen. Denn die Orte, an denen sonst radikalisiert wird – etwa viele Moscheen –, sind oft nicht für Mädchen zugelassen. Ihnen bleibt nur das Netz.

Wie wichtig ist der Faktor Zeit, damit ein Jugendlicher den Ausstieg aus der Szene schafft?
Politisch Verantwortliche fordern oft schnelle Lösungen: Wir sollen Trainingsprogramme kreieren, die nach drei Monaten dazu führen, dass ein Radikalisierter aus der Szene aussteigt und sich dem demokratischen Gemeinwesen wieder anschließt. Solche Ansätze gibt es in den USA – die sogenannten Bootcamps. Alle Rückfallstudien zeigen, dass die Maßnahmen wirkungslos sind. Ein radikalisierter und ideologisierter Mensch muss begreifen, dass es keine einfachen Lösungsmuster gibt, und langfristig tragfähige Antworten finden. Das klappt nicht in wenigen Wochen.

Mit welchen Ideologien haben Sie im Moment mehr zu tun: mit religiös motivierter Gewalt oder mit Rechtsextremismus?
Aktuell arbeiten wir in erster Linie mit Menschen, die ihre Radikalisierung religiös begründen. Das heißt aber nicht, dass die rechtsextreme Szene in Deutschland kleiner geworden ist. Das liegt schlichtweg an den Förderstrukturen: In jene Bereiche, die von der Politik gerade als große Gefahr eingestuft werden, fließt das meiste Geld.

Das VPN in Zahlen

78 Frauen und Männer – so viele Mitarbeiter hat VPN.
13,3 Prozent – so hoch war die Rückfallquote bei inhaftierten Gewalttätern, die an einem VPN-Programm teilgenommen haben. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Re-Inhaftierungsquote bei Gewalttätern liegt bei 41,5 Prozent.
2,25 Millionen Euro – diese Summe stand dem VPN 2015 für seine Projekte zur Verfügung.
94 Frauen und Männer – so groß war die Zahl der islamistisch Radikalisierten, mit denen das VPN im vergangenen Jahr die Ausstiegsbegleitung begann.

Unterscheidet sich Ihre Arbeit denn je nach Art der Ideologisierung?
Methodisch ist das sehr ähnlich. Im Bereich Islamismus haben wir es mit Klienten zu tun, die theologische Fragen klären und wissen wollen, ob der Berater, der ihnen gegenübersitzt, weiß, wovon er redet. Daher haben wir sehr viele muslimische Mitarbeiter eingestellt, die diesen theoretischen Unterbau liefern.

Sie begleiten die Jugendlichen auch nach Ende der Haft noch einige Monate. Wie reagiert die Gesellschaft auf diese Menschen?
Gerade im Zusammenhang mit Syrien gibt es Fälle, wo Schulen sich geweigert haben, die jungen Menschen wieder aufzunehmen. Auch nicht alle Arbeitgeber rufen Hurra, wenn es um die Anstellung ehemaliger Strafgefangener geht. Allerdings gibt es in Deutschland viele unterstützende Mechanismen, von denen andere europäische Länder nur träumen. Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft sehe ich daher nicht als Hemmnis bei der Deradikalisierung.

Die Regierungen von Bund und Ländern müssen Prävention als eine Grundaufgabe wahrnehmen.

Stehen dem VPN ausreichend Mittel zur Verfügung, um weiterhin in der nötigen Intensität mit radikalisierten Jugendlichen zu arbeiten?
Die Finanzierung durch die öffentliche Hand ist in Deutschland quantitativ gut, aber qualitativ schlecht. Wir ersuchen Jahr für Jahr um Projektförderungen. Und wenn die nicht passgenau weitergehen, müssen wir häufig Mitarbeiter entlassen verlieren so deren Kompetenz. Die Regierungen von Bund und Ländern müssen Prävention als eine Grundaufgabe wahrnehmen und eine institutionelle Förderung ermöglichen. Es ist ein Auftrag an die Gesetzgebenden im Land, dafür Strukturen zu schaffen.

Was muss sich bei der gesellschaftlichen und politischen Diskussion in Deutschland ändern, damit sich in Zukunft weniger Jugendliche radikalisieren?
Wir alle – nicht nur die Politik – müssen Gesellschaft so leben, dass Personen jeden Alters das Gefühl von Mitgestaltung haben. Es geht darum, dass ich mich als Mensch wichtig fühle und meine Interessen wahrgenommen werden. Das muss Demokratie schaffen!


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