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Leo Sucharewicz: „Haut in die Tasten!“

Der Sprachpsychologe Leo Sucharewicz weiß, wie man Internet-Trolle entlarvt: Er hat eine Liste von Indikatoren erarbeitet, anhand derer jeder User provozierende Pöbler im Netz leicht enttarnen kann. Im Interview verrät er, wie Google, Wikipedia und das Grundgesetz dabei helfen können.

Was war der Anlass für Ihre Analyse?

Leo Sucharewicz: Troll-Kommentare gibt es – sie sind keine Fiktion, keine Einbildung. Die gesteuerten Meinungsäußerungen stehen zwar nicht für die hohe Schule der Manipulation, dilettieren aber auch nicht vor sich hin. Mit meiner Liste möchte ich ein wenig mithelfen, dass die User Troll-Kommentare einfach identifizieren können.

Wie sind Sie auf die Provokationen aufmerksam geworden?

Das ist mein Job. Ich mache seit dreißig Jahren acht Stunden am Tag sprachpsychologische Analysen. Wir sind alle Medienfanatiker. Die ganze Gesellschaft, der ganze Globus und Information – sowohl die Auswahl als auch ihr Design – sind mitentscheidend für die berüchtigte Meinungsbildung. Das darf man nicht sich selbst überlassen. Wenn nach einem Artikel ganz gezielt Amerika-Bashing betrieben wird, dann beeinflusst das die Haltung der Mehrheit und schlägt sich möglicherweise auch politisch nieder. In Demokratien muss man ein bisschen auf Informationshygiene achten.

Wie sind Sie bei Ihrer Analyse vorgegangen? Haben Sie unzählige Leserkommentare miteinander verglichen?

Ganz genau. Das war eine Höllenarbeit, eine exzessive Fleißarbeit! Im Grunde war meine Arbeit wie die Entzifferung von Hieroglyphen oder einer antiken Sprache. Am Anfang braucht man einzelne Indikatoren, Wiederholungen, bis man einen Anhaltspunkt hat, um die alte Sprache zu decodieren. Je mehr Anhaltspunkte man hat, desto schneller und fortschrittlicher ist die Analyse.

Haben Sie ein Beispiel?

Zuerst ist mir aufgefallen, dass sich die Namen der Kommentarschreiber wiederholen. Wenn sich beispielsweise ein Absender „Thomas Schmidt“ nennt, um besonders inländisch zu klingen, und unter einem Beitrag zum Thema „Botanischer Garten“ schreibt, dass Amerikaner schon immer botanische Gärten zertrampelt haben, dann ist das ein besonders offensichtlicher Indikator. Charakteristisch sind außerdem abschweifende Kommentare, in der ein Thema zum Anlass genommen wird, um durch geschickte Moderation zu einem anderen Thema eine Verbindung zu schaffen – das kann Putin-Promotion sein oder die Verdrehung historischer Fakten.

Wann werden Sie selbst aktiv und kommentieren Beiträge?

Nur wenn mich etwas sehr ärgert und offenkundig falsch oder dumm ist.

Reden wir an dieser Stelle von Kommentaren oder den Artikeln selbst?

Vom Wahrheitsgehalt beider. Ich unterscheide schon, ob jemand eine Meinung hat – die soll er haben! Wenn jemand historische Fakten verzerrt, dann reagiere ich auch als Historiker. Geschichte war im Gymnasium mein Lieblingsfach und ist heute mein Hobby. Wenn jemand die Verhältnisse völlig falsch darstellt, dann schreibe ich manchmal einen Kommentar.

Wie oft begegnen Ihnen Falschbehauptungen?

Sehr häufig. Mehr und mehr sehe ich das berühmte Einstein-Zitat bestätigt: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die Dummheit der Menschen, wobei ich mir beim Universum nicht sicher bin.“ Ich habe schon das Gefühl, dass in den vergangenen Jahren sehr, sehr viel verflacht ist – um es nicht ganz böse auszudrücken.

 

Dipl. sc. pol. Leo Sucharewicz Dipl. sc. pol. Leo Sucharewicz © Leo Sucharewicz

Dipl. sc. pol. Leo Sucharewicz gehört zu den führenden Sprachpsychologen in Deutschland. Sein Forschungsgebiet sind moderne Sprachpsychologie und Sprachdesign. Neben seiner Forschung analysiert er anhand eines Rasters Websites und ihre Wirkungsaspekte.

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Leute, googelt einfach! Mit ein paar Klicks, zum Beispiel auf Wikipedia, lassen sich Informationen leicht überprüfen.

Welche Gefahr sehen Sie in dieser Entwicklung?

Ich stelle fest, dass Medien in ihren Beiträgen zunehmend Haltungen vermitteln. Der „Spiegel“ ist dafür schon seit Jahrzehnten ein Beispiel. Junge Leute lesen Meinungen statt Informationen.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Es gäbe theoretisch zwei Möglichkeiten. Eine ist, vor allem junge Leser sprachlich und kommunikationspsychologisch so zu qualifizieren, dass sie automatisch die Unterscheidung von Haltung und Information lernen. Aber das ist natürlich praktisch nicht machbar. Die andere Möglichkeit ist eventuell teilweise machbar: wenn in der Ausbildung von Journalisten mehr Wert auf Berufsethos gelegt und das stärker berücksichtigt werden würde. So schafft man unter den Kollegen ein automatisches Korrektiv.

Das heißt, Sie übertragen die Verantwortung auf die Medienschaffenden und nicht die Mediennutzer?

Richtig, so ist es. Von der Machbarkeit her ist es die einzige Chance, wobei ich mir überhaupt keine Illusionen mache über die Chancen auf Verwirklichung. Die sind nicht ganz null – aber auch nicht überwältigend.

Was würden Sie reflektierten Usern raten, um Inhalte besser einordnen zu können?

Da kann ich eine praktische Empfehlung geben: Leute, googelt einfach! Mit ein paar Klicks, zum Beispiel auf Wikipedia, lassen sich Informationen leicht überprüfen.

Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?

Überraschenderweise: ja. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem etwas evident falsch dargestellt worden ist. Egal, ob Literatur, Geschichte, Politik oder Biografien – Wikipedia ist generell ein Glücksfall, aber auch nur eine von vielen Quellen. Man darf heute keine Informationen bedenkenlos übernehmen.

Glaubt nicht alles. Regt euch auf, wenn ihr der Meinung seid, dass jemand manipulativ etwas in die Welt setzt.

Schritt eins heißt also: sich informieren. Sollen die Leser im zweiten Schritt selbst aktiv werden und ihr Wissen teilen, wenn sie Fehler bemerken?

Unbedingt. Haut in die Tasten! Noch immer gibt es nichts Besseres.

Was sollte dabei beachtet werden?

Der Jargon, der heute verwendet wird – das beste Beispiel ist der Bundestag –, ist wirklich extrem ineffizient und bis zum Erbrechen langweilig und langatmig. Meine Empfehlung wäre: Kurz muss es heute sein. Es ist kein Zufall, dass ein Phänomen wie Twitter heute nicht nur vorhanden ist, sondern auch bis hin zu Erdoğan genutzt wird. Beiträge müssen also methodisch-didaktisch einigermaßen vernünftig sein und auf Informationsballast verzichten.

Die Botschaft lautet folglich „Konzentriert euch auf das Wesentliche“?

Plus: sich authentisch artikulieren und nicht versuchen, einen amtlichen Stil nachzuäffen, sondern individuell zu formulieren. Das erhöht die Glaubwürdigkeit. Ohne Informationsballast hat der restliche Text eine größere Chance, gelesen zu werden.

Wie groß ist das Verhältnis zwischen Information und Informationsballast?

Ich führe sprachpsychologisches Texttuning für Unternehmen durch. In der Regel werfe ich aus einer Vorlage 30, 40 Prozent problemlos raus. Ich vermute, im Bundestag ist der Anteil noch mal höher – zwischen 40 und 50 Prozent. Wer sich so artikuliert, kennt das heutige Leserverhalten nicht. In unserer gestressten Zeit ist das eine Marter für unser Gehirn. Da sind wir wieder bei einem Thema, das schwer durchführbar ist: Auf keinem Stundenplan stehen die Fächer Sprachpsychologie, Spracheffizienz oder Kommunikationswirkung.

Können Sie bitte zum Schluss zusammenfassen: Worauf sollten User ganz allgemein im Netz achten?

Hört auf, Texte einfach zu konsumieren, sondern lest kritisch. Glaubt nicht alles. Regt euch auf, wenn ihr der Meinung seid, dass jemand manipulativ etwas in die Welt setzt. Und: Schaut ab und zu ins Grundgesetz! Man muss den Grundrechtskatalog nicht auswendig kennen, aber man sollte den Kern verinnerlicht haben. Das hilft zum Beispiel beim Umgang mit Hetze im Netz.


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