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Nachgelesen! Digitale Contenance

Was täglich im Netz passiert, ist ein Krieg der Worte und Werte – in den Kommentarspalten auf Nachrichtenseiten, in Sozialen Medien und Blogs. Immer hemmungsloser, immer härter. In ihrem Buch „Hass im Netz“ liefert die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig eine klare und sachliche Analyse zur zeitgenössischen Hetzkultur im Internet. Wie wir das Internet zu einem respektvolleren Ort machen können.

Ein Interview mit einer „besorgten Bürgerin“ machte Ingrid Brodnig nachdenklich. „Die Frau folgte islamkritischen und -feindlichen Accounts und berichtete, wie sehr sie die vielen schrecklichen Nachrichten im Web beunruhigten.“ Ein Erlebnis, das Brodnig motivierte, ein weiteres Buch über Hasskommentare und Falschmeldungen im Netz zu schreiben. Bereits in „Der unsichtbare Mensch“ hatte sie sich mit Anonymität und Hass im Internet befasst. Wer sich digital abschottet, sich nur noch mit Gleichdenkenden austauscht und Informationen bezieht, die ausschließlich dem eigenen Weltbild entsprechen, landet in einer Filterblase, in der radikale Positionen besonders gut gedeihen.

„Die großen Plattformen haben die Verpflichtung, Menschen vor Hetze zu schützen“, findet Brodnig. Es müsste transparenter sein, wie viele Hasskommentare gemeldet und gelöscht werden. Zudem komme die Infrastruktur des Internets sehr aktiven Hassrednern entgegnen, da Kommentare in vielen Foren chronologisch sortiert sind. Bei Facebook werden Beiträge, die schnell viele Likes erhalten, vom Algorithmus mit einer größeren Reichweite angezeigt als andere.

Ingrid Brodnig Porträt Ingrid Brodnig schrieb mit „Hass im Netz“ ein anschauliches Plädoyer für respektvollere Umgangsformen im Netz. © Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag
Es ist wichtig, nicht alle aggressiv wirkenden User in einen Topf zu werfen.
Ingrid Brodnig

Eine wichtige Rolle sieht Brodnig auch bei der Politik. Sie müsse darauf pochen, geltende Gesetze einzuhalten und Website-Betreiber dazu anhalten, strafrechtlich relevante Postings schnell zu entfernen. Aber auch jede und jeder Einzelne könne etwas gegen den Hass im Netz tun.

Zivilcourage im Netz

Wer das Internet zu einem respektvolleren Ort machen will, muss selbst das Wort ergreifen. Brodnig gibt Tipps zur Gegenrede. So sollten problematische Aussagen nicht einfach verneint, sondern durch sachliche Argumente widerlegt werden. Empfehlenswert sei auch der Appell an gemeinsame Werte, wie zum Beispiel, dass Gewalt keine Lösung darstellt.

„Es ist aber wichtig, nicht alle aggressiv wirkenden User in einen Topf zu werfen“, sagt Brodnig. Sie differenziert zwischen „Trollen“ und „Glaubenskriegern“. „Bei Trollen, die aus sadistischen Motiven handeln, hilft es manchmal, ihre Provokationen einfach zu ignorieren. Bei Glaubenskriegern wäre das fatal, denn sie wollen andere mit Aggressionen mundtot machen. „Diese Nutzer sind der Ansicht, eine vermeintliche Bedrohung – etwa durch feministische Frauen oder Flüchtlinge – erkannt zu haben, und diskutieren extrem aggressiv. Alle Geschlechter sind von Hass betroffen – der große Unterschied ist, dass der Hass gegenüber Frauen besonders sexistisch und untergriffig ist und deshalb umso brutaler wirkt.“ Auf Twitter fielen 2014 innerhalb eines Monats sechs Millionen Mal die Wörter „slut“ („Schlampe“) und „whore“ („Hure“). „Im Extremfall empfehle ich, juristische Schritte zu ergreifen.“

„Aber auch jeder Einzelne kann Zivilcourage zeigen und auf einen fairen Diskussionsstil pochen“, sagt Brodnig. Auf ihrer eigenen Facebook-Seite stellt sie beispielsweise klare Diskussionsregeln auf: „Es ist okay, anderer Meinung zu sein. Es ist nicht okay, Andersdenkende als „Schlampen‘ zu bezeichnen oder ihnen gar Gewalt anzudrohen.“

Ingrid Brodnig: „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“ Ingrid Brodnig: „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“, Brandstätter Verlag, 17,90 Euro © Brandstätter Verlag

Hass ist keine Meinung

Viele Trolle und Glaubenskrieger scheinen Meinungsfreiheit grundsätzlich misszuverstehen. Sie inszenieren sich selbst als Opfer, die ihre Meinung nicht frei äußern dürfen, und lassen dabei Wichtiges außer Acht: Meinungsfreiheit erlaubt Widerrede, und sie ist nicht grenzenlos. Wer andere verbal bedroht oder grob beschimpft, begeht eine Straftat. Ausgerechnet im Internet, dem modernsten Kommunikationssystem unserer Zeit, erleben Vorurteile und Hass eine Renaissance.

„Hass im Netz“ ist ein anschauliches Plädoyer für respektvollere Umgangsformen im Netz. Ingrid Brodnig ist überzeugt: „Es lohnt sich, das Internet als das zu verteidigen, was es eigentlich sein sollte – ein Ort der Aufklärung.“

Ingrid Brodnig: „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“, Brandstätter Verlag, 17,90 Euro. Zum Verlag


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