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Die neue Art des Hasse(n)s im Netz

Shitstorms, Mobbing, Hetztiraden – es scheint, als wimmelten sämtliche Social-Media-Kanäle schon seit Längerem förmlich vor Negativität oder, noch treffender: Aggressivität. Doch was ist Auslöser für diesen ganzen digitalen Hass? Der Versuch einer Analyse.

Im Frühling dieses Jahres stellte Bundesinnenminister Thomas de Maizière die aktuelle polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2015 vor: Im Bereich der Volksverhetzung mit dem „Tatmittel Internet“ war die Zahl der Fälle, verglichen mit den Daten des Vorjahres, um 138 Prozent angestiegen. Insgesamt 1.798 Fälle hatte die Polizei zu bearbeiten. Eine „Verrohung der Gesellschaft“, so das Urteil des Bundesinnenministers über die Ergebnisse. Ein Ende? Ist vorerst nicht abzusehen. Im Gegenteil, die Zahl der Hassreden im Internet, so die dunklen Prognosen, werde weiter steigen – entsprechend die Zahl der Adressaten.

Im Visier: Geschlecht und Hautfarbe

Um das Phänomen „Hate Speech“ zu untersuchen hat die englische Tageszeitung „The Guardian“ sich ihre 70 Millionen Leserkommentare genauer angeguckt. Welche Artikel werden besonders schlecht kommentiert? Welche Autoren besonders häufig beschimpft? Insbesondere Frauen, LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) und Menschen mit Migrationshintergrund stehen, laut der Datenanalyse der britischen Tageszeitung im Fokus der sogenannten Hater, deren einziges Ziel es ist, andere zu beleidigen, sie zu demütigen und beschimpfen. Um es anschaulich zu machen: Von den zehn angefeindeten Guardian-Autoren sind acht Frauen – die Hälfte von ihnen nichtweiß. Auch die zwei Männer, die zur digitalen Zielscheibe von „Hate Speech“ wurden, haben eine schwarze Hautfarbe. Die zehn am seltensten angefeindeten Guardian-Autoren hingegen sind ausschließlich männlich – und weiß. Doch auch Unternehmen und sogar TV-Sendungen werden in letzter Zeit mit Hasstiraden regelrecht bombardiert: Unter den rund 12.000 Kommentaren, die täglich auf der Facebook-Seite der „Tagesschau“ gepostet werden, sind mittlerweile ein Drittel Hasskommentare.

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Insbesondere Frauen, LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) und Menschen mit Migrationshintergrund stehen, laut einer umfassenden Datenanalyse der britischen Tageszeitung „The Guardian“, im Fokus der sogenannten Hater © stocksy

Wenn die Wahrheit zu kippen droht

Doch woher kommt all der plötzliche Hass? Den gab’s doch früher nicht?! Als alles harmonischer, friedlicher, besser war. Gefühlt zumindest. Oder ist die Netzgemeinde einfach nur sensibler geworden in den vergangenen – ja, was eigentlich? – Wochen, Monaten, Jahren? Es fällt schwer, das „Geburtsjahr“ der digitalen Hassreden festzulegen. „Die Wahrnehmung steigt, aber auch der Hass nimmt zu“, so die österreichische Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig, die im April 2016 ihr zweites Buch, „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“, veröffentlicht hat. „Immer größere Teile unseres Lebens lagern wir ins World Wide Web aus. Wenn dann ein sogenannter Eisbrecher eine Debatte ins Rollen bringt, wird zwar automatisch das Problembewusstsein gestärkt. Auf der anderen Seite tendieren User aber auch dazu, sich in Communitys mit denselben Interessen zu aggregieren, was wiederum zu einer Verstärkung des ‚Confirmation Bias’, einem Bestätigungsfehler, führen kann.“ Die Folge? Abgrenzung und Polarisierung. Dies schade der Informationsqualität, so Brodnig weiter, und könne zu einer starken Vermehrung von voreingenommenen Sichtweisen führen – geschürt durch unbelegte Gerüchte, Misstrauen und Paranoia. Der perfekte Nährboden für große Emotionen, die nicht selten in Hass enden.

Mehr als nur ein Augenblick

Diese Negativentwicklung wird begünstigt durch die im Netz herrschende Anonymität, so eine repräsentative Studie des US-amerikanischen Psychologen John Suler von der Rider University aus dem Jahr 2004: Im digitalen Bereich gibt es keine klassische Face-to-Face-Kommunikation mehr – der Täter muss seinem Opfer nicht in die Augen schauen. So entsteht ein Online-Enthemmungseffekt („Online Disinhibition Effect“): Wenn auf diese Weise die soziale Kontrolle wegfällt oder zumindest nicht spürbar ist, fällt es Menschen schwerer, ihre Impulse zu zügeln. Eine wichtige Rolle spielt nach Meinung der israelischen Wissenschaftler Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak von der University of Haifa auch der Augenkontakt. Ihrer Studie aus dem Jahr 2012 zufolge vergrößert sich das Streitpotenzial, wenn kein Blickkontakt (mehr) vorhanden ist.

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Im digitalen Bereich gibt es keine klassische Face-to-Face-Kommunikation mehr – der Täter muss seinem Opfer nicht in die Augen schauen. © stocksy

Einsam unter vielen

„Uns fehlt als ein ganz elementarer Faktor das emotionale nonverbale Feedback auf unser Verhalten. Und das führt zu einer allgemeinen Enthemmung, die uns alle betrifft. Ohne Mimik und Gestik sind wir unkenntlich und unsichtbar, was jedoch nicht das Gleiche ist wie Anonymität. Diese Unsichtbarkeit erklärt auch, weshalb viele User auf Facebook trotz Klarnamen die schlimmsten Beleidigungen schreiben können“, fasst Brodnig zusammen.

Die bunte Social-Media-Welt ist schnell und lockt mit unzähligen Features. Faszinierend einerseits. Doch trotz zum Teil Hunderttausender „Mitleser“ entsteht bei Usern andererseits nicht selten das surreale Gefühl der Einsamkeit. Weil eben der echte Kontakt zum Gegenüber fehlt. Vielleicht sollten wir einander in Zukunft einfach mal wieder in die Augen schauen – statt wild tippend aufs Smartphone-Display. Heißt ja schließlich „Augenblick“. Und nicht: Augenklick.

Foto-Aufmacher: © Stocksy


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