Stocksy

Die Ausweitung der Nahkampfzone

Hassnachrichten auf Facebook, persönliche Angriffe in den Kommentarspalten – das Netz hat eine neue Autoren- und Leserschaft hervorgebracht. In seinem Essay „Meute mit Meinung“ seziert der Journalist Arno Frank mit schonungslosem Blick diese aggressive Spezies. Ein Pamphlet über die Schwarmdummheit; ein Versuch, das Monströse zu vermessen.

Die letzte ernst zu nehmende Leserzuschrift erreichte den Journalisten Arno Frank 2009 aus der JVA Kassel. Ein um Aufklärung bemühter Brief, der die höflich vorgetragene Bitte einer Textkorrektur enthielt. Armin Meiwes, der „Kannibale von Rotenburg“, stellte darin richtig, dass er das Geschlechtsteil seines Opfers lediglich abgetrennt und nicht verzehrt habe. Ausgerechnet einem verurteilten „Menschenfresser“ gelingt, was dem „normalen“ Leserbriefschreiber nicht mehr möglich scheint – das sachliche Vorbringen von Kritik.

Entfesselte Individuen, zerrüttete Verhältnisse

Die vernetzte Gesellschaft hat eine neue Form von Autoren- und Leserschaft hervorgebracht: entfesselte Individuen, die mit der Freiheit, die ihnen das Internet bietet, schlichtweg nicht umgehen können und in der Masse zu einem Schwarm attackierender Piranhas mutieren. Das Publikum pöbelt in Echtzeit, Journalistinnen und Journalisten befinden sich im Nahkampf. In den Kommentarspalten, auf Facebook und Twitter. Schonungslos und wortgewandt analysiert Arno Frank in „Meute mit Meinung“ das zerrüttete Verhältnis zwischen Publizierenden und Lesenden. Der Journalist, der für die „taz“, „Spiegel Online“ und das Gesellschaftsmagazin „Dummy“ schreibt, seziert den Typus des extremistischen Leserbriefschreibers. Dieser ist Universalexperte, agiert am liebsten anonym und wütet, orthografisch schwach sowie oft ohne jedes Faktenwissen, aus einem grundlegenden Gefühl der Kränkung heraus.

Arno Frank: Die Ausweitung der Nahkampfzone Arno Frank seziert den Typus des extremistischen Leserbriefschreibers. © Arno Frank / Kein & Aber
Von Angesicht zu Angesicht, dazu bräuchte es Mut. Und um mutig zu sein, braucht der Feigling seinesgleichen.
Arno Frank

Was eine Debatte auf Augenhöhe sein könnte, verkommt laut Frank zusehends zu einem „Schlachtfeld aus Gedankentrümmern und Meinungsmorast, in dem das einzig Blühende die Stilblüten sind“. Dabei hält Frank die Orthografieschwäche der Kommentierenden nicht für nebensächlich. Die Qualität der Auseinandersetzung sei in etwa so, „als würde man von einem Gegner zum Tennis herausgefordert, der anstelle eines Schlägers eine Bratpfanne in der Hand hält“.

Als Ursache für die Hetzkultur im Netz benennt Frank eine anthropologische Konstante: die Feigheit. „Von Angesicht zu Angesicht, dazu bräuchte es Mut. Und um mutig zu sein, braucht der Feigling seinesgleichen. Also schimpft und spuckt er in den Hallraum von Twitter oder Facebook, wo (Überraschung!) noch mehr Feiglinge sich äußern und sich, wer weiß, auch zu Parteien zusammenschließen oder einen Flashmob mit Molotowcocktails organisieren.“ Der Schwarm hat keine fundierte Meinung, er kennt nur Affekte, die sich in Shitstorms oder Troll-Kommentaren entladen.

Arno Frank Meute mit Meinung Arno Frank: „Meute mit Meinung“, Kein & Aber, 7,90 Euro

Weniger Feigheit, mehr Liebe

Als Frank 2013 seinen Essay über die Schwarmdummheit schrieb, gab es weder Pegida noch die AfD. Beide bezeichnet er als „direkte Ausflüsse der digitalen Meute“. Die Kommentare unter seinem Artikel liest er seit Jahren nicht mehr, auch weil er sich nicht vom Publikum beeinflussen lassen will. Auf „Hassreden“, die ihn dennoch erreichen, reagiert er mit Nachsicht und Funkstille. „Schaum vorm Mund ist einfach Schaum vorm Mund und kein Argument. Also Schwamm drüber“, sagt Frank.

Rückblickend kam ihm sein Buch mal zu verblasen, mal zu kulturpessimistisch vor. „Doch je mehr Zeit vergeht, desto häufiger ertappe ich mich bei dem Gedanken: Stimmte schon alles …“, sagt Frank. Kritiklosigkeit ist für ihn keine Lösung, denn Debatten sind notwendiger denn je. Frank:„Jeder Mensch sollte sich an die eigene Nase fassen. Dem ersten Impuls eines Kommentars widerstehen. Dem zweiten auch. Dann läse sich der dritte schon zivilisierter. Aber geht das? Dazu müsste eine andere anthropologische Konstante wesentlich stärker sein: die Liebe.“

Arno Frank: „Meute mit Meinung. Über die Schwarmdummheit“, Kein & Aber, 7,90 Euro. Zum Verlag


X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier