Wana Limar

„Noch heute habe ich Existenzängste!“

„MTV Style“-Moderatorin Wana Limar kam als Einjährige mit ihren Eltern aus Afghanistan. Die fünfköpfige Familie flüchtete 1990 vor dem drohenden Bürgerkrieg und lebte zu Beginn fast viereinhalb Jahre in einer Asylbewerberunterkunft in Hamburg-Langenhorn. Im Interview erzählt sie von ihren damaligen Erfahrungen, wie sie die Flüchtlingssituation heute wahrnimmt und warum sie sich genau deshalb engagiert.

Wana, du bist vor über zwanzig Jahren mit deinen Eltern von Afghanistan nach Deutschland geflohen. Warum musste deine Familie ihre Heimat verlassen?
Das politische Klima war sehr gefährlich, ein Bürgerkrieg war abzusehen. Da wurde es Zeit, zu gehen.

Was hätte deiner Familie denn gedroht?
Der Krieg wurde zusehends in die Städte getragen, die Lage war sehr angespannt. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen entstand ein Machtvakuum, in das verschiedene politische Gruppierungen vorstießen. Alle Gruppen hatten sich zum Ziel gesetzt, die Macht zu erobern – dies ging nur mit der Eroberung der Hauptstadt Kabul. In dieser Stadt wohnten wir und mussten daher fliehen. Und ein paar Jahre später kam es ja auch zur Machtübernahme durch die Taliban, die ein fundamentalistisches, islamistisches System der Unterdrückung errichteten. Meine Eltern entschlossen sich zu fliehen, um ihre Familie zu schützen.

Was weißt du noch von eurer Flucht?
Wir hatten – im Gegensatz zu einigen Verwandten – zum Glück keine klassische Schlepper-Flucht. Aber für meine Eltern war vor allem die Anfangszeit im Asylbewerberheim eine sehr schwierige Zeit. Wir sind 1991 in Deutschland angekommen – da war ich gerade ein Jahr alt. Als kleines Kind habe ich das natürlich nicht so bewusst wahrgenommen. Was auch daran lag, dass meine Eltern den Stress nicht nach außen gelebt haben. Wir haben zu fünft in einem Zimmer gelebt, hatten auf einem Flur Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftswaschräume. Viel schwerwiegender aber war das Gefühl, nicht anzukommen. Sprachkurse waren nicht verpflichtend, und man war total auf sich selbst gestellt.

Wie lange musstet ihr bangen, ob ihr bleiben dürft oder nicht?
Wir waren viereinhalb Jahre in der Asylbewerber-Unterkunft. Und die ersten zwei Jahre waren wir nur geduldet – wir hatten Angst, abgeschoben zu werden und nach Afghanistan zurückzumüssen. Das heißt: Wir mussten alle drei Monate morgens um vier vor dem Ausländeramt anstehen. Meine Tante, die schon etwas länger in Deutschland war, konnte zum Glück etwas Deutsch und hat uns geholfen, endlich eine Wohnung zu bekommen. Der Vermieter wollte sich aber vorher ein Bild machen, wie wir in der Unterkunft leben, und sich vergewissern, dass wir nicht wie Wilde hausen.

Wie hast du die erste Zeit in Deutschland empfunden?
Es hat sich eine Grund-Existenzangst in mir verankert. Ich habe zwei sehr verschiedene Welten kennengelernt: jahrelang nichts zu haben, als Neuankömmling in einem fremden Land mit finanziellen und existenziellen Nöten zu leben – und heute dagegen nahezu alle Möglichkeiten, dank Schule, Ausbildung und meinem Beruf. Das relativiert die Zustände. Das hat mich als Mensch auf jeden Fall geprägt.

Wana Limar: Noch heute habe ich Existenzängste Wana Limar unterstützt die Hilfsorganisation Visions for Children e. V. © Wana Limar
Ich verstehe nicht, wie Deutschland im Jahr 2016 noch immer nicht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann.

Wie empfindest du die Situation in Flüchtlingsheimen heute – kommen da Erinnerungen bei dir hoch?
Ich habe im Rahmen der Hilfsorganisation Visions for Children e. V., bei der ich tätig bin, Flüchtlingsunterkünfte besucht, und die Situation ist viel schlimmer als damals. Und es bestätigen sich so viele Vorurteile: Die Unterkünfte sind in Randgebieten, abgeschottet in irgendwelchen Baumärkten. So haben die Menschen weder eine Chance, Teil des deutschen Alltags zu werden, noch werden sie vor Ort wirklich an die Hand genommen. Die Menschen sind traumatisiert – sie bräuchten nicht nur Deutschkurse und Integrationshilfe, sondern auch therapeutische Hilfe.

Musstet ihr damals Angst vor Anschlägen auf eure Unterkunft haben?
Nein, zum Glück nicht! Und ich verstehe nicht, wie Deutschland im Jahr 2016 noch immer nicht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann. Politik, Medien, alle, die nichts tun … – wie kann es sein, dass 70 Jahre später so ein Niveau herrscht? Mich macht das fassungslos.

Hast du jemals am eigenen Leib Diskriminierung erfahren?
Ich hatte und habe es als Mädchen in Hamburg immer verhältnismäßig leicht gehabt. Zum einen ist Hamburg sehr weltoffen, zum anderen hat man es im Allgemeinen als nicht Nicht-Hijabi (Anm. d. Red.: Nichtkopftuchträgerin) erheblich leichter als Hijabis. Oder auch als fernöstlich-orientalisch aussehende Jungs. Die erleben gerade in Zeiten wie diesen auch in Großstädten immer größere Diskriminierung im Alltag. Gewalttätige Übergriffe gab es nicht, aber als Ausländer hat man von der Ankunft an bis heute das Gefühl, anders zu sein. Da steht oft Ignoranz dahinter: In der Grundschule wurde mir zum Beispiel trotz Einser-Durchschnitt keine Gymnasialempfehlung gegeben. Ich bin, nach kurzem Aufenthalt auf der Gesamtschule, trotzdem aufs Gymnasium gewechselt. Als dann die zehnte Stufe mit der eines anderen Gymnasiums zusammengelegt wurde, sollten wir uns in Reihen einander gegenüber aufstellen. Bei uns waren sechs Schüler mit Migrationshintergrund dabei, da kamen dann Rufe wie „Kein Bock auf die Kanakenklasse!“, oder es wurde offen bekundet, dass jemand die DVU wählen will.

Mit dem Verein Visions for Children e. V. engagierst du dich unter anderem für die Bildungschancen von Flüchtlingskindern.
Ja, aber wir setzen schon vorher an. Der Verein wurde gegründet, um die Bildungschancen von Kindern in Krisengebieten zu verbessern. Denn wir sind überzeugt, dass Bildung der Schlüssel ist, sich aus Armut und Terror zu befreien. Als 2011/2012 die Flüchtlingswelle begann, haben wir uns entschlossen, jugendlichen Flüchtlingen Patenschaften anzubieten. Wir sind ein sehr multikultureller Verein und können so bei Behördengängen helfen, dolmetschen, Hausaufgabenhilfe bieten, aber auch einfach Ansprechpartner für alltägliche Sorgen sein. Allerdings machen wir das nicht so publik – unsere Kernaufgabe ist, Fluchtursachen zu bekämpfen, Schulen auszustatten und die Situation vor Ort so zu verbessern, dass die Menschen nicht gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.

Was hat dich dazu bewegt, bei Visions for Children e. V. mitzumachen?
Seit ich ein Kind war, hatte ich zwei Ziele: Ich wollte einen kreativen Beruf ausüben. Und ich wollte mit dem Geld, dass ich dann verdient hatte, eine eigene Hilfsorganisation gründen. Meine Schwester ist schon lange bei diesem Verein und inzwischen dort Vorstandsvorsitzende. Ich hatte anfangs Interesse, habe mir aber zunächst nicht zugetraut, Verantwortung zu übernehmen.

Was ließ dich umdenken?
Als es mir vor ein paar Jahren nicht gut ging, habe ich bei einer Vorstandssitzung mitgemacht und mich in den Bereichen Marketing und PR eingebracht. Von da ab war ich dann dabei. Ich habe gemerkt, dass die Arbeit im Verein mir hilft, mich erdet.

Du engagierst dich auch im Kampf gegen Rechtsextremismus und hast zum Buch „Mein Kampf – gegen Rechts“ einen Beitrag beigesteuert.
Bei rechter Gewalt geht es ja nicht nur um tätliche Übergriffe, sondern auch um Alltagsdiskriminierung und subtilen Rassismus, wie ich ihn in der Schule erlebt habe. Als gerade die Stimmung gegen Geflüchtete hochkochte, ging es mir darum, zu zeigen, wie Rassismus entsteht. Und Ignoranz ist der nur erste Schritt – dann kommen Klischees und Vorurteile, und das endet schnell in Rassismus.

Wana Limar: Noch heute habe ich Existenzängste Hasskommentare gehen der selbstbewussten Wana nicht nah © Wana Limar

Die Kommentare unter deinen YouTube-Videos sind überwiegend nett und weitgehend frei von diskriminierenden Äußerungen. Einige gehen aber schon unter die Gürtellinie, wenn zum Beispiel jemand sagt, dass du hässlich seist oder dass du deine Zahnlücke korrigieren sollst.
Ich lese tatsächlich alle Kommentare und habe – Gott sei Dank – ein gutes Selbstbewusstsein. Kommentare wie „Du hast hässliche Füße!“ oder „Die Zahnlücke geht gar nicht!“ gehen mir zum Glück nicht nah. Was mich trifft, ist inhaltliche Kritik. Man muss sich aber auch fragen, was das für Leute sind, die am Handy oder Computer sitzen und – ich sag es ganz unverblümt – so dumme Kommentare posten. Ich weiß von mir selbst: Als ich 14, 15 Jahre alt war, habe auch ich mich mit anderen unter Rap-Videos gestritten und gedisst. Das sind meist Teenager, die so was posten – und wenn sie älter sind: Hab Mitleid mit denen!

Was steht es mit rassistischen Kommentaren?
Bekomme ich zum Glück unter öffentlichen Beiträgen sehr selten. Aber ich kenne die natürlich auch aus dem Alltag. Wenn jemand sagt: „Scheiß-Paki!“ oder „Scheiß-Muslim!“. Was Kommentare im Netz angeht, habe ich einen Ausblendfilter. Aber nachdem ich bei „Markus Lanz“ war, kamen viele Briefe an den Empfang zu MTV. Damals hatte ich zwei absolut ironisch gemeinte Videos gemacht: wie sich Deutsche schminken und wie sie Afghanen schminken. In den Briefen haben sich hauptsächlich Frauen darüber aufgeregt, warum ich mich denn über Deutsche lustig mache und dass ich undankbar sei. Dieser Frust macht mich fassungslos.


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