Stocksy

Mit Kreativität gegen Hass im Netz

Bis Ende August konnten YouTuber bei der „#NichtEgal – Die 360° YouTube Challenge“ Konzepte für Videos einreichen, die ein Zeichen gegen Fremdenhass und für mehr Toleranz setzen sollen. Nun stehen die Gewinner des Wettbewerbs fest: Philipp Leisner, Johannes Auer und Kevin Schmutzler können sich freuen – ihre Ideen werden von einem erfahrenen Regisseur und mit professioneller 360-Grad-Technologie umgesetzt. Wir haben mit den Preisträgern über ihre Motivation und ihre Videoideen gesprochen.

Philipp Leisner © Philipp Leisner

Philipp Leisner: „Ich war auf Krawall gebürstet“

Flucht ist Flucht ist Flucht
Von der Flucht aus Deutschland zur Flucht nach Deutschland

„Während ich mein Konzept für das Video schrieb, dachte ich: Das wird vielen nicht gefallen! Ich war, ehrlich gesagt, etwas auf Krawall gebürstet. Ich wollte provozieren. Und ich möchte, dass Leute verstehen, dass Fluchtursachen zwar unterschiedlich sein können, aber Flucht Flucht ist. Sie ist gefährlich. Menschen fliehen, weil sie keine Wahl sehen. Sie wollten diesen Krieg nicht, und oft sind es diese Unschuldigen, die unter den Bomben leiden. Damals in Dresden genauso wie heute in Aleppo. Ich selbst bin in Dresden aufgewachsen. Kommt nun daheim die Flüchtlingsthematik zur Sprache, wird schnell mal gesagt: ‚Ja, aber damals im Zweiten Weltkrieg war das ja was ganz anderes!’ Oder auch: ‚Warum kommen all die jungen Männer zu uns? Die sollen lieber ihr Land verteidigen!’

Und das finde ich eben nicht. Sie haben diesen Krieg weder gewollt noch begonnen. Dieses Jahr fand die Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden statt, vergangenes Jahr in Frankfurt. Ich war in Frankfurt dabei. Dort sprach ein älterer Mann, der von Ost- nach Westdeutschland geflohen war, über seine Flucht und wie er den Zaun mit einer Zange durchgeschnitten hat, um rüberzukommen. Er sagte, er erkenne sich in den heutigen Flüchtlingen wieder. Das ist nur eine der Geschichten, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wenn ich nun von hundert Menschen, die sich das Video angucken, nur zwei zum Umdenken darüber anregen kann, dass nicht die Fluchtursache entscheidend ist, dann wäre das schon okay für mich.“


Johannes Auer © Johannes Auer

Johannes Auer: „Am Ende soll man denken: Gott sei Dank ist das Video vorbei!“

Das Büro
Was wäre, wenn die Umstände, die Menschen zur Flucht bewegen, in unseren Alltag gebracht werden?

„Als ich die Mitteilung von YouTube über die ,360° Grad Challenge‘ bekam, saß ich gerade im Büro. Ich hab mich umgeguckt – und dann war die Idee dazu einfach da, in meinem Kopf: Die Nachrichten über Hunderte Tote in Aleppo dringen gar nicht mehr zu uns vor, aber wenn etwas Kleineres in Europa passiert, ist die Aufregung immer groß. Dass in Syrien zum Beispiel Kinder sterben, Unschuldige, nimmt man kaum noch wahr. Ich wollte diese Grausamkeiten in eine für uns alltägliche Kulisse wie ein Büro übersetzen.

In unmittelbarer Nähe meiner Heimat ist viel passiert im vergangenen Jahr: Kollerschlag war einer der Haupt-Grenzübergangspunkte, ein Flüchtlingsheim im Bezirk Rohrbach wurde niedergebrannt und nach einer „Regen“-Aktion für Flüchtlinge gab es den Hasskommentar eines jungen Mannes, man habe besser Flammenwerfer einsetzen sollen.

Das alles kann einem nicht egal sein. Mein Bruder und ich machen den YouTube-Kanal „Garteln“, also ein ganz anderes Thema. Im Frühjahr wurde in unserer Gegend ein Gemeinschaftsgarten reaktiviert, den unter anderem syrische Flüchtlinge bewirtschaften. Das Projekt haben wir mit Jungpflanzen und Samen unterstützt. Es ist für mich ein schöner Gedanke, mit Menschen, die aus einer Umgebung kommen, wo Zerstörung an der Tagesordnung steht, gemeinsam wieder etwas wachsen zu lassen.

Ich habe da keine Berührungsängste: Ich bin nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit polnischen und später auch mit türkischen Flüchtlingen zur Schule gegangen und kann nicht verstehen, wie man so die Augen vor der eigenen Geschichte verschließen kann. Viele unserer Großeltern und ältere Familienangehörige können eine Geschichte der Flucht erzählen. Mein Onkel hat auf der Flucht aus Polen im Zweiten Weltkrieg seinen Bruder verloren, und allein aus Österreich-Ungarn sind rund drei Millionen Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert, weil sie ein besseres Leben für sich selbst und vor allem für ihre Kinder erhofften. Was ist daran falsch? Man kann niemandem einen Vorwurf daraus machen, dass er sich Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit macht. Auch das soll in dem Clip deutlich werden. Und ich möchte, dass der Zuschauer am Ende denkt: Gott sei Dank ist das Video vorbei.“


Kevin Schmutzler © Kevin Schmutzler

Kevin Schmutzler: „Ich möchte, dass bei den Menschen ein positives Gefühl entsteht“

Unter Gleichen
Flucht hat viele Gesichter. Fünf von Grund auf verschiedene Menschen teilen ihre Geschichte

„Ich wünsche mir zwei Dinge von dem Film. Zum einen sollen Flüchtlinge mit einer anderen Perspektive gesehen werden: positiv. Auf filmischer Ebene wünsche ich mir, dass sich das Erzählkonzept mit 360-Grad-Kameras weiter etabliert. Vor allem aber soll ein positiveres Klima entstehen, und wir müssen positive Storys teilen, um zu zeigen: So geht es! Das Thema sollte medial wieder die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient.

Mit unserem Start-up „FilmCrew“ engagieren wir uns immer wieder in der Flüchtlingshilfe. In Flüchtlingsheimen und bei Events filmen wir, erklären den Kindern und Jugendlichen die Kamera und den Umgang damit – sie dürfen sich dann auch damit ausprobieren. Vor allem aber hören wir zu, und zwar so viel und so lange, wie der andere zu erzählen hat, was ihm auf dem Herzen liegt. Daraus entstand auch die Motivation, bei der Challenge mitzumachen: Die Geschichten, die diese Menschen erzählen, gehen so tief und sind so unterschiedlich, dass man sie gar nicht alle wiedergeben kann.

Gleichzeitig sind es auch ‚einfach nur Menschen‘. Da ist nichts anderes. Nichts, was einem Angst machen müsste. Diese Gleichheit wollten wir veranschaulichen. Wir sind gerade in einer sehr seltsamen gesellschaftlichen Situation – viele sind verunsichert und lassen sich dadurch zu sehr zu rechten Überzeugungen verleiten. Dagegen möchten wir ansteuern, einen Beitrag leisten und sagen: Passt auf, was ihr macht!“


X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier