Jakob Buse

„Es ist nicht egal, ob du nur zuschaust“

Sänger Filou ist als junger Punker von einem Nazi auf die S-Bahn-Gleise geschubst worden – und hat Glück gehabt. Heute musizieren er und seine Bandkollegen als Ska-Band „Berlin Boom Orchestra“ gegen Hass, rechte Gewalt und Homophobie. Ein Besuch im Probenraum.

Zwei Glühbirnen hängen von der Decke, ein Ventilator pustet die warme, sauerstoffarme Luft durch den knapp 20 Quadratmeter großen Raum, in dem kaum Platz zum Treten ist: In den Ecken stehen zu Türmen aufgestapelte, mit Stickern übersäte Transportboxen, ein Berg aus Taschen und Rucksäcken verengt den Eingang, der Boden ist bedeckt von einem Geflecht aus Kabeln. Hier, in einem Hinterhof in Berlin-Wedding, probt die Ska- und Reggae-Band „Berlin Boom Orchestra“.

Berlin Boom Orchestra – das sind Lilly, Valentin, Berthold, Jan, André, Frederick, Bruno, Lukas und Filou. Die Truppe selbst ist ein so bunter Haufen wie das Kabuff, in dem sie sich jeden Mittwochabend treffen. Lilly, die einzige Frau hier, spielt Tenorsaxofon, hat früher einen kleinen Jazzclub betrieben und ist heute Grundschullehrerin für Musik. Gitarrist Valentin spielt sein Instrument hauptberuflich, Posaunist André arbeitet als selbstständiger Veranstaltungstechniker, Bassist Jan läuft Marathon und ist angehender Mathematiklehrer. Lukas, mit 26 Jahren das Nesthäkchen der Band, studiert Elektrotechnik und ist beim Berlin Boom Orchestra für Orgel und Synthesizer zuständig. Berthold, mit 40 Jahren der Älteste, spielt Schlagzeug in mehreren Bands und kümmert sich beim „Bandbüro Berlin“ um Nachwuchsmusiker. Bruno macht Percussion und ist Physiker auf dem Weg zum Doktortitel. Auch Frederick schreibt seine Doktorarbeit, spielt Trompete und bastelt die „Riddims“, wie beim Reggae die genau aufeinander abgestimmten Beats bezeichnet werden. Sänger Filou schreibt die Lyrics, ist der Kopf der Band und der Dritte in der Runde, der gerade an seiner Dissertation sitzt.

Das Berlin Boom Orchestra verortet sich selbst im linken Spektrum, in ihren Songs sprechen sie unverblümt gesellschaftliche und politische Probleme an. So haben sie schon 2010 ihren Song „Nicht egal“ veröffentlicht. Filou singt darin: „Es ist nicht egal, ob du danebenstehst. Es ist nicht egal, ob du dich wegdrehst. Es ist nicht egal, ob du nur zuschaust. Es ist verdammt noch mal nicht egal, ob du wegschaust.“ Hass – ganz gleich, ob im Netz als Kommentar unter ihren Youtube-Videos, auf ihren Konzerten oder in der Straßenbahn – ist Filou und seinen Bandkollegen schon oft begegnet. „Das Internet könnte ein Ort sein, wo die Menschen ohne Barrieren Wissen austauschen könnten. Stattdessen sitzen da aber offenbar Frustrierte, die den digitalen Wut-Koitus zelebrieren und mit jedem Pseudo-Erguss wütender und gieriger werden, weil er sie nicht befriedigt“, kritisiert Filou das Verhalten vieler User. Wird das Berlin Boom Orchestra selbst Opfer, „sperren wir die User oder schmeißen die Leute von unseren Konzerten. In manchen Fällen erwägen wir sogar strafrechtliche Schritte“, erklärt Filou, der als jugendlicher Punker in einem Berliner Vorort von einem Nazi auf die S-Bahn-Gleise geschubst worden ist. „Einfach so, im Vorbeigehen. Erst später ist mir klar geworden, dass mich das hätte umbringen können.“

Ignoranz ist für ihn eine denkbar schlechte Reaktion auf Hass und rechte Gewalt. „Ich kann nicht zusehen, wenn ich Zeuge verbaler oder körperlicher Übergriffe werde, aber das bedeutet nicht, dass ich keine Angst hätte oder immer souverän reagieren könnte“, sagt er und fügt hinzu: „Ich habe Angst vor Menschen, deren Weltbild in eine Streichholzschachtel passt, und fühle mich manchmal wie gelähmt angesichts der Gewalt, die von ihnen ausgeht.“

Du schenkst gern allen reinen Wein ein.
Doch trinkst ihn nicht gerne – nein, nein.
Du hast für alle einen Ratschlag,
aber irgendwann ist Zahltag.

An diesem Abend studiert das Berlin Boom Orchestra neue Songs ein, die beim nächsten Konzert dem Publikum vorgestellt werden sollen. Die Luft schmeckt verbraucht, die Musiker spielen zum dritten Mal einen Song ein, der noch keinen Namen hat und für den auch die Lyrics nicht endgültig feststehen. „Work in progress“ nennt Filou das. Immerhin, der Refrain ist gesetzt.

„Wär cool“, sagt Filou, „wenn ihr mitsingt, wenn der Refrain endet. Ratschlag – Zahltag.“ Der vierte Versuch. Der Boden des Probenraums vibriert beim Einsatz der Bläser, kein Wunder, dass ein Teil der Musiker Ohrstöpsel trägt. Bert am Schlagzeug kritisiert: „Das ist so viel zusammen!“ Lukas kontert: „Ist doch fett, der Sound!“ Die anderen lachen. Der fünfte Versuch. Ein paar Takte später unterbricht Valentin: „So weit verkackt. Da hat ja nichts geklappt! Noch mal.“ Der sechste Versuch.

Es ist nicht egal ob du nur zuschaust Berlin Boom Orchestra
Die Ska-Band „Berlin Boom Orchestra“ setzt sich gegen rechte Gewalt ein © Peter Engelke

Oft vergehen Monate, bis ein Stück bühnenreif ist oder überhaupt erst gemeinsam mit der Band einstudiert werden kann. Zunächst basteln Lukas, Frederick und Valentin Musikschnipsel am Computer, die dann entweder Schritt für Schritt zu einem auskomponierten Song heranwachsen oder auch nur Skizze bleiben. Wenn Filou die Stücke gefallen, fängt er an, Lyrics dafür zu entwickeln. Er verbringt – beruflich – die meiste Zeit des Tages damit, Gedanken in Worte zu fassen, und kann „problemlos seitenweise Fließtext“ produzieren.

Doch Songtexte gelingen ihm nicht auf Anhieb. „Die kommen von selbst. Manchmal am Schreibtisch, manchmal auf dem Fahrrad und manchmal unter der Dusche“, erklärt er. Und fügt hinzu: „Dann muss ich das sofort aufschreiben und habe überall Notizblöcke. Manchmal schreibe ich fast einen ganzen Song, manchmal nur ein paar Zeilen.“ Steht der Text, ist der Song deswegen aber noch lange nicht fertig. Erst im Probenraum wird das Arrangement festgelegt, frei nach der Regel „Wer baut, hat recht“. Das heißt: Der Komponist hat das letzte Wort bei Entscheidungen. Aber es braucht einen starken Willen, um sich gegen die mehrköpfige Band durchzusetzen. Als Nächstes muss der Song den Live-Test bestehen und wird dann unter Umständen noch mal verändert. Den finalen Feinschliff bekommt das Stück erst, wenn es im Studio aufgenommen wird.

Der Song ohne Namen hat noch einen weiten Weg vor sich. Der siebte Versuch.


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