Mielek

Dr. Allwissend: „Raus aus der Hassspirale“

Seit mehr als fünf Jahren beantwortet Borja Schwember als Dr. Allwissend auf YouTube die Fragen seiner Zuschauerinnen und Zuschauer. Wo sich einst eine Gemeinschaft von Enthusiasten versammelte, herrscht heute oft eine distanzierte und respektlose Atmosphäre. Wie sich die Kommunikation im Netz verändert hat, und was er sich von der Community wünscht.

Roter Vollbart, blaue Nerdbrille, blaues Hemd, blaue Krawatte. Das sind die Erkennungsmerkmale des Mannes, der hauptberuflich vor seinem Bücherregal steht und im Internet die Welt erklärt. Der 40-jährige Borja Schwember ist „Doktor Allwissend“, einer der erfolgreichsten deutschen YouTuber, einer der dank hoher Abonnentenzahlen und entsprechender Werbeeinahmen inzwischen von seinen Videos leben kann. Weit über 400.000 Menschen folgen seinen Beiträgen, die seit Start des Kanals über 41 Millionen Mal angesehen wurden.

Am Anfang seiner Karriere stand der Dialog mit der YouTube-Community. 2011 startete Schwember seinen Kanal mit der Parodie eines vertrottelten Professors. Im Laufe der Zeit stellten ihm die Zuschauerinnen und Zuschauer Fragen, die er in seinen Videos beantwortete. „Das kam unglaublich gut an. Eigentlich wurde ich von der Community erst zu Dr. Allwissend gemacht“, sagt der gelernte Koch und Kommunikationswissenschaftler heute. Sein Erfolg basiert auf dem Austausch mit seinem Publikum. „Als ich damals anfing, war YouTube noch viel überschaubarer und die deutschsprachige Community eine kleine Gemeinschaft von Enthusiasten. Da gab es noch Kommentare, wie man etwa seine Videos verbessern könne.“

„Für mich soll jeder so leben, wie er mag, solange er keinem anderen schadet. Ich verurteile niemanden für sein Aussehen oder dafür, wen er liebt. Das lebe ich auch sehr konsequent in Gesprächen und Diskussionen.“
„Für mich soll jeder so leben, wie er mag, solange er keinem anderen schadet. Ich verurteile niemanden für sein Aussehen oder dafür, wen er liebt. Das lebe ich auch sehr konsequent in Gesprächen und Diskussionen.“ Borja Schwember © Mielek

Heute ist YouTube viel größer, die Atmosphäre distanzierter und kühler, findet Schwember. Was er beobachtet ist, dass sich die Leute zwar häufiger als früher untereinander in den Kommentarspalten unterhalten und zum Beispiel über einzelne Videothemen diskutieren, es aber zunehmend zu Beschimpfungen und Beleidigungen kommt. Auch auf seinem Kanal gibt es Hasskommentare. Reine Provokationen oder Beleidigungen, die sich direkt gegen ihn richten, löscht er kommentarlos. „Wenn jemand schreibt, ich sei fett, juckt mich das überhaupt nicht mehr. Wenn jemand aber zum Beispiel Bezeichnungen für Bevölkerungsgruppen wie ‚Jude’ oder ‚Schwuler’ als Schimpfwörter benutzt, macht mich das richtig sauer.“

Er glaubt, dass manche Menschen bewusst ins Internet gehen, um ihrer Frustration freien Lauf zu lassen, weil es aus der Anonymität heraus natürlich einfacher sei. „Dass man Menschen mit solchen Kommentaren verletzen kann, weil auf der anderen Seite des Bildschirms ja auch echte Personen sitzen, verstehen viele nicht oder blenden es einfach aus.“

Schwember ist dafür, dass sich die Community selbst reguliert, zusammenhält und Nutzerinnen und Nutzern beisteht, die von Hasskommentaren oder Cybermobbing betroffen sind. „Wenn Administratoren von außen eingreifen würden, könnte das schnell als Zensur gewertet werden. Das würde den Hass bei manch einem sicher noch verstärken.“ Als YouTuber versucht Schwember mit gutem Vorbild voranzugehen. Er glaubt: Sein Kanal wird nicht als ein Umfeld wahrgenommen, in dem man seinen Hass einfach rauslassen kann. „Ich will mir nicht selbst auf die Schulter klopfen, aber dass es in meinen Kommentarspalten weniger Hass gibt als anderswo, liegt sicher auch daran, dass ich mich trotz des teils derben Humors in meinen Beiträgen immer respektvoll verhalte.“

Schwember bezeichnet sich selbst als sehr liberal eingestellten Menschen. „Für mich soll jeder so leben, wie er mag, solange er keinem anderen schadet. Ich verurteile niemanden für sein Aussehen oder dafür, wen er liebt. Das lebe ich auch sehr konsequent in Gesprächen und Diskussionen.“ Dass das Internet jemals zu einer perfekten heilen Welt wird, wagt der YouTuber zu bezweifeln. Ihm ist wichtig, dass sich die Nutzerinnen und Nutzer nicht in einer Spirale von Hass und Gegenhass verfangen.


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