Drei Fragen an ... Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch

1. In Schulnoten ausgedrückt: Wie beurteilen Sie die deutsche Energiewende?
Ich gebe eine 3+. Die Richtung ist richtig, und sie ist unumkehrbar. Auch hat sie bereits positive Effekte gezeigt: So hat die massive deutsche Nachfrage nach erneuerbaren Energien infolge der deutschen Energiewende, zusammen mit der kostengünstigen Massenproduktion in China, maßgeblich zu einer Kostensenkung für erneuerbare Energien geführt. Heute sind die Erneuerbaren weltweit wettbewerbsfähig mit fossilen Energieträgern. Doch leider gibt es auch deutliche Mankos: Deutschland drückt sich um den notwendigen Ausstieg aus der Kohle bis zum Jahr 2035. Dabei wäre es jetzt an der Zeit, mit einen klaren Rahmen für einen sozial verträglichen Ausstieg Investitionssicherheit zu geben. Und: Durch den neuen Versteigerungsmechanismus, der das System der festen Einspeisevergütung ab 2017 zum großen Teil ersetzt, werden die Bürger ausgebremst, in erneuerbare Energien zu investieren.

2. Klimaschutz fordert die ganze Gesellschaft heraus – was kann jeder Einzelne von uns dazu beitragen?
Natürlich sollte jeder Einzelne seinen ökologischen Fußabdruck verringern. Allerdings habe ich immer ein gewisses Unbehagen dabei, dies in den Vordergrund zu stellen. Die individuellen Verantwortlichkeiten sind sehr unterschiedlich verteilt. Die reichsten 10 Prozent der Menschen auf diesem Planeten sind für etwa die Hälfte der Emissionen verantwortlich. Rund die Hälfte der Menschen haben hingegen einen so geringen CO2-Abdruck, dass der bislang nicht weiter ins Gewicht fällt. Diese Menschen haben derzeit in ihrem Leben viel wichtigere Probleme zu lösen. Sehr relevant ist deshalb die staatliche Rahmensetzung. Ohne das Erneuerbare-Energien-Gesetz hätten wir die Revolution hin zu den erneuerbaren Energien nie gehabt. Und vom nächsten G20-Gipfel erwarte ich, dass in diesen großen Staaten endlich die richtigen Rahmenbedingungen für Investitionen gesetzt werden. Wer zur Mittel- und Oberschicht gehört, sollte allerdings seinen CO2-Fußabdruck massiv verringern. Jeder Einzelne aber kann Druck machen auf den Staat und sich politisch engagieren!

3. Was tun Sie ganz persönlich für eine nachhaltige Zukunft?
Unser Altbau ist sehr energieeffizient und wird klimaneutral beheizt. Wir beziehen Ökostrom. Zudem besitzen wir als Familie kein Auto und verzichten, soweit es geht aufs Fliegen im Flugzeug. Gerade sind meine Frau und ich aus Marokko zurückgekommen – und wir haben eine wunderbare Zugreise durch Spanien und Frankreich hinter uns. Auch solche Distanzen kann man sehr gut mit der Bahn zurücklegen, insbesondere solange die Nachtzüge nicht abgeschafft werden. Früher hatten wir Sorge, dass unsere Kinder neidisch werden könnten, wenn Eltern von deren Freunden ihre Kinder mit dem Auto transportieren. Allerdings haben sie uns nie Vorwürfe gemacht. Und oft fanden sie es viel schöner, im Zug mit uns zu spielen oder zu reden, als eingepfercht auf einer Autorückbank zu sitzen. Heute sind sie 20 und fast 23 Jahre alt und fragen eher, ob wir in unserem politischen Engagement nicht noch einen Zahn zulegen können.

Drei Fragen an Christoph Bals Christoph Bals

X

Sie verwenden einen sehr alten Browser.

Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser.
Aktuelle Browser finden Sie hier